März 2010

Wüstenbuch

Eine Koproduktion des Theater Basel und MaerzMusik

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Wüstenbuch

Eine Koproduktion des Theater Basel und MaerzMusik

Von Nora Mansmann / Fotos: Kai Bienerts

Beim Gedanken an das Alte Ägypten sehen wir Pyramiden und Mumien vor uns, denken an Götter, Gräber und Grabbeigaben - eine Welt der Toten und des Jenseits tut sich auf. Tatsächlich haben wir es mit einer Gesellschaft zu tun, in der der Tod und das Sterben einen hohen Stellenwert einnahmen. Fasziniert von der intensiven Beschäftigung der alten Ägypter mit diesen Themen und angeregt und ausgehend von einem altägyptischen Text, dem "Gespräch eines Lebensmüden mit seiner Seele", hat der Schweizer Komponist Beat Furrer sein neues Stück Wüstenbuch als Auftragswerk für das Theater Basel geschaffen, wo es in der Regie von Christoph Marthaler Mitte März uraufgeführt wurde. Im Rahmen des koproduzierenden Festivals MaerzMusik war Wüstenbuch nun auch in der Schaubühne in Berlin zu sehen.


Beat Furrer
Foto: Kai Bienerts

Das "Gespräch eines Lebensmüden mit seiner Seele" bildet jedoch nicht die einzige Textgrundlage des Wüstenbuchs. Ausgehend von den zentralen Themen des Todes, der Einsamkeit, und der Wüste, die für beides steht, ging Furrer auf die Suche nach weiteren Texten. Fündig wurde er unter anderem in der spanischen zeitgenössischen Lyrik, bei Lukrez und bei dem österreichischen Theaterautor Händl Klaus, der für das Libretto neue Texte verfasste. Der Titel Wüstenbuch stammt von einem Fragment von Ingeborg Bachmann, Aufzeichnungen von einer Reise nach Ägypten, die als lockerer dramaturgischer Rahmen dient - auch wenn gerade der Regisseur Christoph Marthaler in seinen Arbeiten gern auf die Erzählung einer "durchgehenden Handlung" verzichtet.

So auch hier. Wir sind, wie eigentlich immer bei Marthaler, an einer Art Nicht-Ort. Die ganze Breite der Bühne wird von einem massigen Gebäude eingenommen, dessen oberes Stockwerk - große Fenster geben den Blick in drei holzvertäfelte Hotelzimmer frei -, das untere etwas überragt. Das untere Stockwerk ist offen, die Sicht nur durch zwei tragende Pfeiler begrenzt, eine Mischung aus (Wasch)keller - die Schatten der abgenommenen Armaturen an den Wänden - und Tiefgarage. Möbliert mit wenigen einfachen Stühlen, einem räudigen hellgrünen Sofa und einem Resopaltisch. Der Stil dieser Bühnenlandschaft von Duri Bischoff ist eher nordeuropäisch als ägyptisch zu nennen, nur vor dem Gebäude scheint es in wärmere Gegenden zu gehen, verdorrte Agarven in schadhaften wüstensandfarbenen Terracottakrügen zeigen mit leichtem Augenzwinkern die Hitze und Dürre der Wüste an. Und ganz vorne, direkt vor dem Publikum, sitzt das Orchester. Da wird es wirklich heiß. Denn am meisten ist Ägypten, die Wüste, die Hitze in der expressiven Musik von Beat Furrer.

Die ist fast immer schnell, eilig, ruhelos, darin oft über lange Strecken sehr regelmäßig gebaut, mit kleinteiligen strukturellen Wiederholungen in leichten Variationen hauptsächlich auf der tonalen Ebene. Furrer arbeitet viel mit Geräuschen, die nicht nur von den beiden Percussionisten erzeugt werden, sondern ebenso auch von allen anderen Instrumentalisten des großartigen Klangforums Wien. Ein Atmen, Klicken, Flirren, Sirren, ein Reiben oder Knistern oder Flimmern allenthalben, Geräusche wie Skorpionschwänze oder das Huschen eines Insekts, das in einem Sandloch verschwindet, reichern das filigran geknüpfte musikalische Netz an. Voller sich wiederholender wellenförmiger, oder vielleicht besser, dünenförmiger Bewegungen lässt die Musik an die nimmerendenwollende Wüste, die Qual des langsamen Verdurstens oder an vom Wind verwehten Sand denken. Ja, sie evoziert Bilder, diese Musik, und sie tut das, ohne platt lautmalerisch zu werden. Wir sitzen im Kopfkino, ein Bild nach dem anderen zieht vorbei, nur in der Musik.

In der Sprachbehandlung unterscheidet Furrer deutsch- und fremdsprachige Texte: Das übersetzte "Gespräch eines Lebensmüden mit seiner Seele", die Texte von Händl Klaus und die kurzen Bachmann-Passagen sollen nach Möglichkeit verständlich sein, ihre Verarbeitung und Musikalisierung erfolgt eher nach semantischen Gesichtspunkten. Unterstützend lässt Marthaler - die Möglichkeit gibt das Werk - etwa die starken Bachmann-Texte neben ihrer Verarbeitung in Sprechkanons auch einmal komplett und ohne Musik von seinen Schauspielern sprechen. Die fremdsprachigen Texte dagegen sind meist komplett fragmentarisiert, in Silben aufgespalten, nicht mehr identifizierbar, nicht einmal ihre Sprache, und werden von zwei Sopranen (Hélène Fauchère, Tora Augestad), dem Bariton Sébastien Brohier und dem als Chor fungierenden Ensemble Solistes XXI gesungen. Diese Texte sind weit gehend zu Musik geworden, stehen am Übergang von Sprache zu Musik, ein Übergang, der Furrer besonders interessiert, und den er im Wüstenbuch auf zahlreiche verschiedene Arten immer wieder umspielt. So arbeitet er häufig mit Färbungen, etwa der Färbung eines Instrumentalklanges durch einen Stimmklang. So im Teil III, wo ein leichtes Zwitschern im Schlagwerk das Startzeichen gibt für zwitschernde Sequenzen des Orchesters, in die sich plötzlich offenbar menschliche Laute mischen - oder doch nicht? Durch die Gleichzeitigkeit ist sich der Zuhörer zunächst nicht sicher, dann identifiziert er die Sopranstimme, kann aber noch nicht orten, aus welcher Ecke der Bühne sie kommt. Erst beim nächsten oder übernächsten Zwitschern. Nach und nach werden die Gesangsparts länger, andere Stimmen, weitere Solisten kommen hinzu, schließlich werden Silben vernehmbar, dann Worte. Die einfache, eigentlich naheliegende Technik der Färbung erzeugt eine besondere Art der Verstärkung der Stimme, eine Verstärkung des Resonanzraumes.


Wüstenbuch - Koproduktion des Theater Basel und MaerzMusik
Komposition: Beat Furrer - Inszenierung: Christoph Marthaler
Foto: Kai Bienerts

Die Musik bewegt sich meist eher in höheren Tonlagen, immer wieder gibt es starke, geradezu brutal laute und schrille Aufwallungen, aggressive, schneidende Staccato-Klänge, dagegen nur wenige ruhige, langsame, tiefere Passagen, kaum wirkliche Ruhepunkte, die wie Erholung, wie Schatten in der Hitze wirken. So macht Furrers Musik die Wüste auch körperlich spürbar.

Die Sänger und vor allem die Schauspieler, langjährige Mitglieder der Marthaler-"Familie" wie Urs Jaeggi, Olivia Grigolli oder Bettina Stucky, sind im Nicht-Ort der Bühnenlandschaft wie gewohnt Gestrandete, manchmal orientierungslose, aber durchaus nicht willenlose und durchaus auch zur Gemeinheit fähige individualistische Individuen, von denen jedes zielstrebig seinen eigenen Weg verfolgt, immer beschäftigt in für sich offenbar sinnhafter Aktion - ohne dass dieser Sinn von außen zu entschlüsseln wäre. Die Kostüme von Sarah Schittek lassen immer wieder an Ingeborg Bachmann denken, auf deren Leben und Sterben in kleinen szenischen Momenten angespielt wird, etwa wenn Zigaretten immer wieder angezündet und fallengelassen werden. Fortwährend laufen auf den zwei Etagen der Bühne unzählige kleine, unaufgeregte und beiläufige Vorgänge gleichzeitig ab, und es fällt schwer, alles aufzunehmen. Es passiert sehr viel auf der Bühne, die Aktionen sind - der Dynamik der Musik entsprechend -, für eine Marthaler-Inszenierung ungewöhnlich schnell und aktiv. Der Regisseur fügt dem für sich bereits ungemein vielschichtigen Geflecht der Musik einen weiteren riesigen Kosmos von Zeichen hinzu, wobei sich die verschiedenen Ebenen keineswegs gegenseitig stören oder aufheben, sondern sehr gut ergänzen.

Dennoch: Eigentlich eine Überforderung. Das Publikum der Premiere wirkte denn auch bisweilen etwas angestrengt. Wüstenbuch ist musikalisch nun wirklich kein leicht und angenehm zu konsumierendes Werk. Das Schöne, Beglückende des Theatererlebnisses liegt hier nicht im Wohlklang, sondern vielmehr in der intellektuellen Herausforderung und in der Möglichkeit eines letztendlichen (teilweisen) Durchdringens, etwa im Wahrnehmen und Verstehen der Strukturprinzipien der Musik, die sich im Laufe des Abends nach und nach entschlüsseln. Um sie erkennen und verfolgen zu können, braucht es aber nicht nur eine große Offenheit und Konzentrationsfähigkeit, sondern sicher auch einiges an Kenntnissen und Vorwissen. Wie dem auch sei: Letztendlich scheint der größere Teil des Publikums etwas mitgenommen zu haben, am Ende gab es freundlichen, teilweise auch begeisterten Applaus, vor allem beim Auftritt Beat Furrers, der auch dirigiert hatte, und den Verbeugungen des Orchesters. Und viele Bravos.



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