Leitmotive eines Sommers

Die Wagner-Konzerte von Deutscher Oper und Classic Open Air
29. Juni 2007 - Philharmonie
Sonderkonzert Richard Wagner

Programm

Richard Wagner:
Auszüge aus Rienzi, La descente de la courtille, Die Meistersinger von Nürnberg, Tristan und Isolde, Lohengrin, Götterdämmerung

Mitwirkende

Orchester der Deutschen Oper Berlin
Andris Nelsons - Dirigent
Deborah Voigt - Sopran
Chor der Deutschen Oper Berlin
05. Juli 2007 - Gendarmenmarkt
Wagnernacht im Feuerzauber

Programm

Richard Wagner:
Auszüge aus Die Meistersinger von Nürnberg, Tannhäuser, Die Walküre, Das Rheingold, Lohengrin, Der fliegende Holländer, Rienzi, Götterdämmerung

Mitwirkende

Robert-Schumann-Philharmonie Chemnitz
Dirigent: Niksa Bareza
Tenor: Klaus Florian Vogt
Sopran: Janice Baird
Bariton: David Pittman-Jennings
Tenor: André Riemer
Chor der Staatsoper Unter den Linden

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Leitmotive eines Sommers

Die Wagner-Konzerte von Deutscher Oper und Classic Open Air

von Heiko Schon

Jedes Jahr der gleiche Ärger. Da verabschieden sich im Juli die Konzertsäle und Opernhäuser nach und nach in die Spielzeitpause, um die subventionierte Bühne den Gastspielen oder sich selbst zu überlassen. Dem Freund klassischer Musik bleibt in seiner Abhängigkeit nur der verzweifelte Griff in die Medienkonserve. Oder die Fahrt zu einem Festspiel. Aber was steht bei diesen vermehrt auf der Speisekarte? Keine schwere Frage, denn der Wagnerianer gilt als treu, reisefreudig und finanziell üppig ausgestattet. Die Berliner Philharmoniker brachen nach dem Saisonabschluss direkt von der Waldbühne nach Aix-en-Provence (Die Walküre) auf, in München krönt Plácido Domingo als Siegmund die Opernfestspiele, im Tiroler Erl stellt man die überregionale Aufmerksamkeit durch einen erneuten Wagner-Rekord sicher (Ring, Tristan und Parsifal in einer Woche!) und gewiss wird auch wieder Angela Merkel zu den hunderttausend Pilgern gehören, die sich ins fränkische Bayreuth begeben, um den Werken ihres Meisters zu lauschen. Die Einstimmung darauf gab's jetzt in Berlin.

Die Deutsche Oper lud in die Philharmonie und präsentierte zum finalen Sonderkonzert neben der amerikanischen Sopran-Queen Deborah Voigt den angehenden Dirigentenkronprinz Andris Nelsons. Dem Musikchef der Nationaloper Riga eilte aufgrund einer international bewunderten Walküre ein Ruf voraus, welchen das deutsche Feuilleton bis zur Betitelung "Der neue Carlos Kleiber" steigerte. Schon nach den ersten Taktschlägen der Rienzi-Ouvertüre scheint es besiegelt: Dies muss der Start einer langen Freundschaft sein, einer Liebe von Anbeginn. Nicht nur zwischen Nelsons und Orchester sondern auch zwischen Nelsons und dem Auditorium. Mochte Renato Palumbo den Platz als GMD von Christian Thielemann geerbt haben, die Stelle als musikleitender Publikumsliebling war weiterhin vakant. Und um es gleich vorweg zu nehmen: Kirsten Harms könnte sicher einige Sympathiepunkte ihrer Stammkundschaft vertragen und täte gut daran, Nelsons langfristig an das Orchester des von ihr geleiteten Hauses zu binden. Was den 28-jährigen Letten auszeichnet, ist die Neugier, die unerschöpfliche Lust mit der er Wagner begegnet. Am Pult steht kein behutsamer Routinier, sondern ein junger Wilder, der seine Zuhörer und nicht zuletzt sich selbst berauschen, verführen will. Nelsons vermeidet jeden Anflug von Sterilität; er liebt es lebendig und mit gehörig scharfen Ecken. Ein schroffer, authentischer Zugriff, der besonders beim Finale der Götterdämmerung voll zur Geltung kommt. Mit diesem breit ausgerollten Klangteppich deckt Nelsons - und das mag der einzige Minuspunkt seiner jugendlichen Hitzköpfigkeit sein - sogar die Isolde Deborah Voigts gnadenlos zu. Ihre Brünnhilde indes bezaubert später mit lupenreiner Diktion und dramatischer Attacke. Der mitunter zerbröselt wirkende Chor ist an diesem phänomenalen Abend die einzig schwache Kette im Glied, doch wirklich stören konnte dies niemanden. Nach dem lang anhaltenden Jubel verlässt man im Taumel den Saal.

Mit der eindrucksvollen Kulisse des Gendarmenmarktes liegen die Vorteile der Classic Open Air-Tage sofort auf der Hand. Schon zum 16. Mal begrüßte der Festivaldirektor Gerhard Kämpfe seine Besucher auf Berlins schönstem Platz. In den letzten Jahren konnte er Opernstars wie José Cura, José Carreras und Ramón Vargas zum Auftritt gewinnen und auch diesmal verpflichtete Kämpfe mit Janice Baird und Klaus Florian Vogt populäre Gesangssolisten ihres Fachs. Zusammen mit der Robert-Schumann-Philharmonie Chemnitz unter der Leitung von Noch-GMD Niksa Bareza und dem Chor der Staatsoper Berlin lösten sie das Versprechen einer Wagnernacht im Feuerzauber ein. Selbst unter den technischen Bedingungen, dass Musik und Gesang mikroverstärkt werden, worunter natürlich die Akustik leidet, gelang allen Beteiligten ein facettenreiches und differenziertes Klangbild. Baird, die gerade noch die Isolde unter Simone Young in Hamburg sang, überzeugte mit leichtem Tremolo und metallischem Timbre vor allem als Brünnhilde und Ortrud, während die Vorzüge von Vogts jugendlichem und reichlich lyrischem Tenor eindeutig beim Lohengrin liegen. David Pittman-Jennings ist dagegen die falsche Wahl. Sein Geist ist sicher willig, aber die Stimmbänder sind für Wotan, Hans Sachs und Wolfram viel zu schwach. Der Hauptakteur lässt sich ohnehin erst beim finalen Walkürenritt blicken: Das exzellente Feuerwerk verwandelte das Konzerthaus für Minuten ins neblig-funkelnde Walhall.



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