Oktober 2007

Erinnerungen eines Orchesters

Eine umfassende Biographie zum 125-jährigen Jubiläum der Berliner Philharmoniker

Autoren:
Sabine Borris, Martin Demmler, Albrecht Dümling, Helge Grünewald, Helge Jung, Tobias Möller, Jürgen Otten, Nicole Restle, Susanne Stähr, Wolfgang Stähr, Volker Tarnow, Markus Zint

Herausgegeben von der Stiftung Berliner Philharmoniker

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Erinnerungen eines Orchesters

Eine umfassende Biographie zum 125-jährigen Jubiläum der Berliner Philharmoniker

Von Leyla Jasper

Eine zweibändige, reich mit Bildern versehene Biographie des legendären Orchesters ist seit kurzem auf dem Markt. Nicht nur die Geschichte des Orchesters und seiner Dirigenten, sondern sogar Biographien und Fotos aller Orchestermitglieder seit 125 Jahren fanden Platz und Würdigung in dieser großzügig angelegten Ausgabe.

Variationen mit Orchester

Sehr treffend wurde die Jubiläumspublikation als "Variationen mit Orchester" bezeichnet. Fast schon archaisch anmutend wirkt die Geschichte der "50 tapferen Schneiderlein", die 1882 in Berlin sich furchtlos von ihrem Chef Bilse getrennt hatten, um ihr eigenes Orchester zu gründen. Mit Hilfe und Unterstützung des Konzertagenten Hermann Wolff kämpften sie sich durch die ersten schwierigen Jahre hindurch, von verschiedenen Dirigenten geleitet, bis der "eiserne" Dirigent Hans von Bülow dem Drängen Wolffs nachgab und 1887 sich des Orchesters annahm. Es entsteht eine ganze Porträtgalerie der Dirigenten, die das Orchester leiteten und prägten: Dem "Probenfanatiker" Hans von Bülow folgt der sanfte Arthur Nikisch, nach dessen Tod der junge Wilhelm Furtwängler den Dirigentenstab ergreift, ohne zu ahnen, dass die schwierige Zeit des Nationalsozialismus bevorsteht, und dass sowohl er als auch sein Nachfolger Karajan für ihre persönlichen Entscheidungen in dieser Zeit sich bis zum Tod rechtfertigen würden müssen. Nicht nur die weiteren Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker, sondern auch die zahlreichen Gastdirigenten (unter ihnen solche Größen wie Bruno Walter oder Sir Georg Solti) werden im Buch sehr genau porträtiert - bis hin zu dem heutigen Liebling des Berliner Publikums, Sir Simon Rattle.

Etwas überraschend wird die Entstehungsgeschichte der Berliner Philharmoniker nach Meiningen verlegt. Mit dem "Prolog in Meiningen" fängt sie demnach schon im Jahre 1866 an, als Fürst von Bismarck seine preußischen Truppen in Meiningen einmarschieren lässt, da der Autor meint: "Die Wurzeln des Philharmonischen Orchesters, unterirdisch und folglich unsichtbar, reichen weiter zurück in die mitteldeutsche Geschichte als gemeinhin angenommen…" Nach solchen Behauptungen erwartet der ahnungslose Leser, dass entweder die Meininger Kapelle oder gar der Herzog Georg II. von Sachsen-Meiningen höchstpersönlich in die Geschichte der Berliner Philharmoniker auf irgendwelche Weise eingegangen sind. Doch es stellt sich heraus, dass die einzige verbindende Person zwischen Meiningen und Berlin Hans von Bülow ist, der die Meininger Kapelle von 1879 bis 1885 leitete, mit ihr in Berlin 1882 große Erfolge als Dirigent feierte, jedoch erst 1887 die Leitung des in Berlin 1882 entstandenen philharmonischen Orchesters übernahm und seine in Meiningen erarbeiteten Prinzipien auf das Orchester in Berlin weiter übertrug.

Die Entstehung der Bilses Kapelle in Schlesien hingegen - obwohl die Berliner Philharmoniker eigentlich aus ihr hervorgegangen sind! - wird nur spärlich erwähnt (was eventuell auf einen Mangel an Dokumenten zurückzuführen ist). Auch sind die Geburt der Berliner Philharmoniker und die Beschreibung jener Zeit zu sehr mit Personen und historischen Details überladen. Wohl ist das Bestreben des Autors zu verstehen, manche vergessenen Namen ans Licht der Öffentlichkeit zu bringen, jedoch verliert man sich leicht im Dickicht der überdimensional vergrößerten Porträts weniger bekannter Persönlichkeiten (wie dem Dirigenten Ernst Rudorff). Nach dem märchenhaften "Prolog in Meiningen" kommt eine überladene "Massenszene" in Berlin des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Oder, wenn wir schon bei der von den Autoren des Buches gewählten Form der Variationen bleiben wollen: Nach einer langsamen Einleitung in fremder Tonart kommt ein Thema, das sich in viele kleine Motive zerschlägt und allzu oft moduliert, und daher nur schlecht als Thema zur Geltung kommt. Die darauf folgenden Variationen aber sind fließend und unterhaltsam geschrieben und sind wirklich lesenswert.

Das zweibändige Werk Variationen mit Orchester. 125 Jahre der Berliner Philharmoniker ist im Henschel Verlag erschienen, umfasst ca. 800 Seiten und kostet 39,90 Euro.



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