Sommer, Wolken und Musik vorm Balkon

Highlights des Berliner Musiksommers 2011

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Sommer, Wolken und Musik vorm Balkon

Highlights des Berliner Musiksommers 2011

von Heiko Schon

11. August - Mozarts Zauberflöte: Zum ersten Mal finden die See Festspiele Berlin statt - und sind doch schon lange überfällig. Denn egal ob Landeshauptstadt oder noch so kleines Provinzkaff: Wie gern lockt man Besucher während der Theaterferien zum Festspiel an die frische Luft. In Berlin aber sagten sich bislang ab Mitte Juli Fuchs und Hase Gute Nacht. Peter Schwenkow hat das nun geändert. Er sollte sich jetzt nicht länger grämen, dass er erst von Potsdam nach Berlin und dann vom Wannsee-See an den Wannsee-Strand umziehen musste. Die Naturkulisse nämlich raubt einen den Atem. Fast ist es an diesem Abend so, als ob See, Wattewolken und Abendsonne (die vor dem Untergang noch einmal genau im Loch von Momme Röhrbeins Pyramide aufblitzt) Teil des eigens hergestellten Bühnenbildes sind. Und dann kein Regen - puh, Schwein gehabt. Judith Kubitz verbeugt sich artig, verschwindet rechts im halbrunden Orchesterzelt und bringt eine derart vorbeisausende Ouvertüre zu Gehör, als müsse sie die Verspätung mittels straffer Tempi wieder aufholen. Sowohl das Orchester als auch die Sänger werden akustisch verstärkt, aber das Ergebnis überzeugt: Für eine Open-Air-Veranstaltung ist der Klang hervorragend.

Müsste man jetzt um den heißen Brei herum reden, da die Initiierung als solches begrüsst wird? Sollte man das Gelungene in die Länge ziehen und das Misslungene unter den Teppich kehren? Kein ungetrübtes Vergnügen diese Premiere, denn mir gefiel Kathi Thalbachs Version von Mozarts Zauberflöte überhaupt nicht. Sie wollte, sollte, musste es wohl allen recht machen: Dem Opernfreund und dem Kulturbanausen, dem Kind und der Oma, dem, der moderne Regie mag, und dem, der ein kitschiges Märchen sehen will. Doch Thalbachs Inszenierung geriet lediglich zu einer Ansammlung von Oberflächlichkeiten und ziemlich müden Mätzchen. Hier ging es offenbar nicht darum, dem Werk eine neue inhaltliche Sicht abzugewinnen: Diese Inszenierung diente lediglich dazu, ein Event zu verkaufen. Dafür sollte sich Thalbach eigentlich zu schade sein. Und es ist auch schlicht und einfach zu wenig, wenn man so etwas wie die Bregenzer Festspiele (wo der Spagat zwischen Kunst und Kommerz Jahr für Jahr gelingt) zum Vorbild nimmt. So steckt Mozart dann doch plötzlich im Provinzkaff, wird Schikaneder zur Klamotte. Ärgerlich auch die Kostüme à la "Leipziger Allerlei" von Angelika Rieck. Und bei aller spiellustigen Liebe: Was hat ein Schauspieler wie Guntbert Warns in einer großen Rolle wie dem Papageno zu suchen, wenn er ihn nicht singen kann? Auch sonst ist das sängerische Niveau, nun ja, nicht hauptstadtwürdig. Bei der Besetzungspolitik sollte also noch deutlich nachgebessert werden. Aber gut, selbst am Bodensee hat man mal klein angefangen...

16. August 2011 - Gipfeltreffen der Stars: Ist das Guido Cantz, der da fürs übertragende ZDF den Startschuss gibt? Nein, Erwin Schrott ist unter die Blondinen gegangen. Mmh, na ja, ist eher gewöhnungsbedürftig. Gesanglich aber rockt nicht nur der Uruguayer Bassbariton die Waldbühne, auch Anna Netrebko und Jonas Kaufmann erledigen ihre Partien professionell, sind glänzend bei Stimme. Im Vorfeld hatte sich Glamourpärchen Netrebko / Schrott beschwert, es gäbe zu wenig Duette für ihre Stimmlagen, die Komponisten seien ausdrücklich aufgefordert, dies endlich einmal aus der Welt zu schaffen. So bleibt beiden lediglich der gemeinsame Auftritt für Porgy und Bess, sonst sieht das Programm überwiegend italienische Solo-Arien (Verdi, Puccini, Mascagni, Ponchielli) und französische Ensemble-Szenen (Gounod, Massenet) vor. Schrott trägt ein paar Nummern von seiner aktuellen Tango-CD vor, Kaufmann schluchzt hemmungslos nach Mamma (Cavalleria rusticana) und anderen Damen (Richard Taubers Du bist die Welt für mich), Netrebko bringt - singend, wirbelnd, knutschend - eine betörende Manon und eine glutvolle Leonora zu Gehör, und die bestens aufgelegten Prager Philharmoniker ballern - unter der Stabführung Marco Armiliatos - eine Handvoll Instrumentalstücke dazwischen (Smetana, Bizet, Giménez). Das schmeckt vom ersten bis zum letzten Gang - ein Abend mit Gusto!

21. August 2011 - Das Waldbühnenkonzert: Wer 90 Minuten vor dem Konzert in der Waldbühne eintrifft, kann Daniel Barenboim beim Probieren und Feilen, Scherzen und Schwatzen beobachten. Sogar den Sound-Check erledigt der Chef höchstpersönlich. Dann braucht er doch ein paar Minuten Ruhe, ich blättere im Programmheft und stoße auf der vorletzten Seite - einer Werbeanzeige - auf die Sängerbesetzung, mit dem das Konzert beworben wurde: Waltraud Meier, Peter Seiffert, René Pape und Anja Harteros. Wann genau Harteros durch Anna Samuil (die man an der Staatsoper Berlin offenbar für eine der weltbesten Sopranistinnen hält) ersetzt wurde, entzieht sich meiner Kenntnis. Zumindest scheint es nicht so wichtig zu sein, das Publikum darauf aufmerksam zu machen. Neben mir gerät eine Frau in Verzückung: "Guck mal, Traudl, da kommt der Wowereit! Der WO-WE-REIT!!!". Traudl steht auf, dreht sich um und sagt: "Quatsch, Ilse, das ist der Bundespräsident". Christian Wulff nimmt Platz, seine Gattin Bettina bekommt von Guido Westerwelle ein Küsschen auf die Wange gedrückt. Dann wird's doch noch ernst - Beethovens Achte und Neunte stehen auf dem Programm. Politisch betrachtet ist das West-Eastern Divan Orchestra nicht zu kritisieren. Künstlerisch gesehen schon. Die Technik ist - von ein paar Patzern im ersten Satz der Achten abgesehen - nicht weiter zu beanstanden. Aber inhaltlich bleibt die Aussage schwammig, begnügt man sich, Musik, die global begeistert, auch global, sprich, pauschal, zu spielen. Gerade Beethovens 9. Sinfonie offenbart so Längen, mitunter sogar Langeweile.

23. August 2011 - Saisonabschluss 2010/11 der Berliner Philharmoniker: Anfang Juli stand die Waldbühne noch komplett unter Wasser, nun fiel beim Nachholtermin kein einziger Regentropfen. Als diesjähriger Dirigent konnte Riccardo Chailly gewonnen werden und das trifft den Nagel so ziemlich genau auf den Kopf, denn der derzeitige Gewandhauskapellmeister sorgt in programmatischer, klanglicher, ach eigentlich jeder Hinsicht, für das gelungenste Abschlusskonzert der Philharmoniker seit Jahren. Chailly setzt das Populäre bewusst an den Anfang, um gleich für die nötige Atmosphäre zu sorgen. Der Dirigent hat mit Schostakowitsch' Jazz-Suite Nr. 2 hinreichend Erfahrung (Einspielung mit dem Concertgebouworkest) und unter seinem extrovertierten Stil spielen die Philharmoniker mit Liebe, Lust und Pfeffer. Der zweite Teil gehört dem immer noch viel zu unterschätzten Ottorino Respighi. Es liegt so nahe und doch muss erst Chailly kommen und beweisen, wie gut die Vogelstimmen, die Respighi in seinen Römischen Pinien einsetzt, an einen Ort wie die Waldbühne passen. Wie sich Streicher empor schrauben und sich seitlich platzierte Blechbläser aufbäumen, wie dieses Programm eine Verbindung zwischen Anspruch und Genuss herstellt, wie ein ganzes Publikum kollektiv den Atem anhält - das macht dieses Konzert zum Ereignis. Einfach nur: WOW!



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