Der Mann im WonnemondSommerkonzerte in der Waldbühne und der Kulturbrauerei |
|
|
23. August 2008 - Waldbühne |
|
ProgrammWolfgang Amadeus MozartKonzert für drei Klaviere Richard Wagner Die Walküre, 1. Akt |
MitwirkendeWest-Eastern Divan OrchestraDaniel Barenboim - Dirigent und Klavier Yael Kareth - Klavier Karim Said - Klavier Waltraud Meier - Sopran (Sieglinde) Simon O'Neill - Tenor (Siegmund) René Pape - Bass (Hunding) |
|
24. August 2008 - Kulturbrauerei Wagnernacht |
|
ProgrammRichard WagnerDer fliegende Holländer, Ouvertüre Siegfried, Waldweben Tristan und Isolde, Vorspiel und Liebestod Tannhäuser, Ouvertüre Rienzi, Ouvertüre Die Meistersinger von Nürnberg, Ouvertüre, Tanz der Lehrbuben, Vorspiel 3. Akt Lohengrin, Vorspiel, Einleitung 3. Akt |
MitwirkendeBerliner SymphonikerLior Shambadal - Dirigent |
Der Mann im WonnemondSommerkonzerte in der Waldbühne und der Kulturbrauereivon Heiko Schon Die Sommerpause bietet Zeit. Zeit für ein Spielzeitresümee, aber auch für den Blick nach vorn. Zeit fürs innere Aufräumen, fürs Träumen, Ausspannen, Philosophieren. Man ertappt sich selbst bei der Überlegung, warum etwa das gute, alte Wort "Öffentlichkeitsarbeit" von "Public Relations" gefressen oder eine läppische Nachricht zum Skandal im News-Flash verwurstet wurde. Salzburg und Bayreuth haben es in diesem Jahr deutlich gezeigt, welcher Kunst es hier gilt: Gibt es eine "neue" Netrebko? Ist die "alte" im Publikum und wenn ja, was hat sie an? Hat Katharina eine einstweilige Verfügung gegen die Veröffentlichung ihres Festspiel-Konzepts erwirkt oder nicht? Wie wird Nike darauf reagieren? Zickenkrieg im Kampf um den grünen Hügel! Inhalt Null, aber es klingt wichtig. Hört sonst keiner mehr zu? Kauft niemand mehr eine Eintrittskarte, wenn nicht aus jedem unwichtigen Rohr geschossen wird? Selbst Daniel Barenboim, dem es dann doch sonst eher um Visionen, Werte, künstlerische Substanz und (weltpolitische) Denkanstöße geht, fand sich inmitten einer polemischen Kampagne wieder. Für das diesjährige Gastspiel des West-Eastern Divan Orchestra hatte man sich für den 1. Akt der Walküre in der Waldbühne entschieden. Diese Tatsache nahmen einige Blätter zum Anlass, mit Barenboim über den Waldbühnen-Bauherrn Adolf Hitler und dessen Lieblingskomponisten Richard Wagner zu schwadronieren. Was auch immer man damit lostreten wollte, es brachte dem Vorverkauf kein Glück. Warum das Konzert selbst nicht zündete, mag an vielerlei Faktoren liegen, aber Petrus war diesmal gänzlich unschuldig. Der Einstieg mit Mozart - verspielt, tänzelnd, elegisch - gelang recht passabel, mit Wagner hingegen tat man sich schwer. Schon im gewittrigen Vorspiel offenbaren sich Defizite bei den Streichern, verpassen einige den Anschluss im Apparat, ist das Klangbild nicht geschlossen. Bei den Bläsern kiekst und rutscht es auch immer wieder mal, graben sich unschöne Narben in die Motive. So einfältig es klingt: Man sieht Barenboim, hört ihn aber nicht - so fest haben sich die letzten wagnerischen Sternstunden mit der Staatskapelle im Hinterkopf verankert. Simon O'Neill vermag mit seinem knödelig-nasalen Tenor nicht den allerlei Vorschusslorbeeren, die im Programmheft auftauchen, gerecht zu werden. Positiv fällt der beachtlich lange Atem oder auch die stabile Kondition des Neuseeländers auf. Einen weniger freudigen Eindruck hinterlassen dagegen O'Neills Registerübergänge und ein nur mäßig geschmeidiges Timbre. Gerade bei den Wälse-Rufen geht seinem Siegmund da einiges an Emotion verloren. René Pape stattet den Hunding mit Eindringlichkeit, Textschärfe und einer befremdlichen Kammertonattitüde aus, als ob es hier um einen Liederabend ginge. Waltraud Meier ist als Einzige bereit, etwas zu riskieren, sich regelrecht an der Rampe zu zerfetzen. Mit Persönlichkeit und ihren stählernd-strahlenden Höhen bewältigt Meier diesen Abend im Alleingang.
Ja, sie leben ohne Subventionen weiter, übernehmen die Urlaubsvertretung für andere Orchester (Porgy und Bess / Deutsche Oper Berlin), konnten zuletzt mit der Zauberflöte in der U-Bahn einen großen Erfolg verbuchen und haben auch sonst einen mit Konzerten und Tourneen gut gefüllten Terminkalender: die Berliner Symphoniker. Von der Kulturbrauerei wurde der Klangkörper anlässlich des 7. Klassik Sommers zum "Orchestra in Residence" erkoren. Mit stolz geschwellter Brust schreitet Lior Shambadal an den Pult, ergreift den Taktstock und eröffnet die Wagnernacht mit einer Holländer-Ouvertüre, die einem das Blut in den Adern gefrieren lässt. Hui, da saust der Wind, da flitzen Bögen spitz und scharf über die Saiten, beißen Posaunen erbarmungslos zu, tönt der Vernichtungsschlag. Shambadal, langjähriger Chefdirigent der Symphoniker, besitzt ein ungeheures Gespür für die poetischen Inhalte, die Effekte der Wagner-Partituren. Und die werden ausgekostet: Shambadal taucht Tristan in italienisch-belcanteske Farben, tanzt mit den Lehrbuben beschwingt dem Spätsommerabend entgegen, schickt Lohengrin über luzide Gewässer. Das Feuerwerksfinale allerdings entbehrt jedwedem Verständnis von Kunst. Statt einer schönen Zugabe - gut, es muss ja nicht immer der Walkürenritt sein - schallert Puccini aus den Boxen. Dass Pavarotti und nicht Paul Potts Nessun dorma singt, ist da nur ein schwacher Trost. Nun ja, konzentrieren wir uns lieber auf die Musiker, die bereits am Einpacken ihrer Instrumente sind und auf die Pyrotechnik. Prost: neue Spielzeit! |