November 2012

Ein russischer Dirigent in Berlin

Tugan Sokhiev, Chefdirigent des DSO

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Ein russischer Dirigent in Berlin

Tugan Sokhiev, Chefdirigent des DSO

Von Leyla Jasper / Foto: Patrice Nin


Tugan Sokhiev
Foto: Patrice Nin

Tugan Sokhiev (geb. 1977 in Wladikawkas), ist seit September 2012 der 7. Chefdirigent und künstlerischer Leiter des DSO Berlin. Er studierte am Konservatorium in St. Petersburg bei dem legendären Ilja Musin. Bereits während des Studiums dirigierte Sokhiev im Mariinski-Theater. 2001 wurde er zum Musikdirektor an der Welsh National Opera ernannt (hier trat er 2004 zurück), 2008 bekam er den gleichnamigen Posten beim Orchestre National du Capitol de Toulouse. Er leitete die Berliner, Wiener, Moskauer und Münchener Philharmoniker, das Koninklijk Concertgebouworkest Amsterdam, die Rundfunkorchester in Frankfurt, Helsinki, Paris, Stockholm, Tokio, Turin und Wien. Er konzertiert überall auf der Welt und ist einer der gefragtesten jungen Dirigenten seiner Generation.

Ein Porträt

Er ist nicht der erste Russe, der das DSO Berlin leitet. Zehn Jahre lang stand der weltberühmte Pianist Vladimir Ashkenazy an der Spitze dieses Klangkörpers. Doch als Tugan Sokhiev mit Anfang 30 zum Nachfolger von Ingo Metzmacher erklärt wurde, war sein Name nur für Eingeweihte ein Begriff. Zu denen gehörten vor allem die Musiker des DSO Berlin. In einem Interview betonte die Flötistin Kornelia Brandkamp, dass das Orchester einstimmig diesen Dirigenten als seinen künstlerischen Leiter gewählt hat. Nach der Meinung der Musiker nimmt Sokhiev seine Sache sehr ernst, vermittelt aber gleichzeitig Freude am Musizieren.

Allmählich lernt auch das Berliner Publikum ihn kennen - und lieben. Kein Konzert unter seiner Leitung vergeht ohne begeisterte "Bravo"-Rufe. Der große Saal der Philharmonie ist immer gut gefüllt. Und es sind nicht nur alte Gesichter zu sehen - die allgemeine Begeisterung für Sokhiev nimmt in Berlin stetig zu.

Er besticht vor allem durch sein Temperament. Unter seiner Leitung hört sich kein Stück routiniert an, sondern immer frisch und voller Vitalität. Doch wie immer steckt hinter den beeindruckenden Errungenschaften viel Arbeit. Sokhiev scheint ein Perfektionist zu sein. Alles bei ihm ist wohldurchdacht. Jede Kleinigkeit steht unter Kontrolle. Er ist einer, der wirklich nichts dem Zufall überlässt. Jedes Programm weist ein bestimmtes Konzept auf, das im Programmheft ausführlich besprochen wird. Sokhiev gehört eher nicht zu den Musikern, die sich von der Stimmung des Augenblicks inspirieren lassen. Nach seinen eigenen Worten arbeitet er etwa drei Monate an einem Werk. "Ich lese die Partitur, manchmal spiele ich etwas auf dem Klavier", erzählt Sokhiev. "Doch dann bei der Probe kommen immer Korrekturen in das Konzept, das ich zu Hause herausgearbeitet habe. Es ist immer ein Interagieren zwischen den Musikern und mir."

Wie viele Dirigenten, weiß Sokhiev aus eigener Erfahrung, wie man ein Instrument spielt. Er selber hat mehrere in seiner Kindheit erlernt. Wie kam er denn zum Dirigieren? Auch hier lag die Initiative in den Händen Sokhievs. "Nach einem Konzert in der Philharmonie in meiner Heimatstadt Wladikawkas habe ich den Dirigenten Briskin angesprochen", erzählt er, "Ich fand ihn so faszinierend! Wir haben uns kennengelernt. Danach bekam ich Unterricht bei ihm." Zwei Jahre später schickte ihn Briskin nach St. Petersburg. Noch immer leuchten die Augen Sokhievs, wenn er von seiner Studienzeit am Petersburger Konservatorium spricht. Die schöne Stadt, das rege Konzertleben - alles faszinierte ihn. Doch das Studium bedeutete auch harte Arbeit. Der berühmte Pädagoge Ilja Musin übte mit seinen Schülern Handbewegungen mit und ohne Musik, mit und ohne Dirigentenstock. Es gab spezielle Lockerungsübungen für die Hände und für den ganzen Körper. Und bei jedem einstudierten Stück konnte man von einer "Choreographie des Dirigierens" sprechen. Gleichzeitig war der hochbetagte Lehrer eine Institution an sich, eine lebende Legende. "Musin hat nicht nur unterrichtet, sondern uns Geschichten aus seiner Vergangenheit und über seine Begegnungen mit den größten Musikern Russlands erzählt", erinnert sich Sokhiev. "Und wir spürten dabei, dass die Verbindung zwischen Generationen weiter besteht."

Er habe viel beim Lehrer gelernt, aber auch viel selbständig gearbeitet. Zu seinen Vorbildern gehören die Dirigenten Leonard Bernstein, Carlos Kleiber und Herbert von Karajan. "Doch es gibt viele andere, von denen ich auch manches gelernt und übernommen habe," fügt er hinzu. Sokhievs Dirigierstil könnte man jedoch am besten als eine Mischung aus Karajan und Barenboim beschreiben. Ähnlich wie Karajan, hat er ein ausgesprochen stark ausgeprägtes Gefühl für Rhythmus. Nie gibt es Schwankungen (wie bei vielen Musikern der Fall am Anfang eines Stückes oder eines Abschnittes). Entschlossen wählt Sokhiev sofort das richtige Tempo und hält es durch. Doch wie Barenboim liebt es Sokhiev, einen Klang von größter Intensität zu entfalten. Es gibt dann Momente, in denen man sich bis zu Tränen gerührt fühlt, Augenblicke der Offenbarung. Doch dann wiederum klingt es roh, beinahe aggressiv!

Überhaupt steckt vieles in Sokhiev. Er ist als Künstler sehr plastisch und aufnahmefähig. Wäre er Schauspieler geworden, so wäre er bestimmt ein Genie der Verwandlung. Sein Einfühlungs- und Imitationsvermögen ist enorm. Seine Arbeitswut kennt keine Grenzen. "Was für andere Arbeit heißt, heißt für mich Lebensweise," sagt der Dirigent und gibt zu, dass seine Entwicklung noch nicht abgeschlossen ist. Er ist erst fünfunddreißig, noch gären in ihm verschiedene Kräfte, die ihm ermöglichen unterschiedliche Werke ganz individuell zu interpretieren. In Strawinskys Pulcinella war das Tänzerische, das vom Ballett stammt, an erster Stelle. In Rachmaninows 3. Symphonie die Intensität der Gefühle. In Faurés Pelléas et Mélisande die Klangbilder, der Erzählfluss. Die Russen - Balakirew und Rimski-Korsakow - trug er entsprechend farbig vor. Das Leben und Arbeiten in Frankreich hat ihn auch sehr geprägt. Das "Ägyptische" Klavierkonzert von Saint-Saëns interpretierte er zusammen mit dem Pianisten Jean-Yves Thibaudet ganz im Geiste des französischen Komponisten: orientalisch angehaucht und fein nuanciert. Sehr zu loben war das Spiel aller Solisten des DSO unter Tugan Sokhiev. Jeder Musiker gestaltete seinen Solopart sehr ausdrucksvoll. Rubati wurden immer sehr geschmackvoll platziert. Die Bläser konnten sehr lange und biegsame Phrasen aufbauen, ohne Atem holen zu müssen. Ein wahrer Genuss für die Ohren!

An seiner Arbeit mit dem Orchester merkt man, dass Sokhiev schon viel mit der menschlichen Stimme gearbeitet hat. Auch im nächsten Jahr möchte er eine Oper von Verdi dirigieren. Tugan Sokhiev ist ein sehr ehrgeiziger und zielstrebiger Musiker, der genau weiß, was er will. Er wird sicherlich noch oft dafür sorgen, dem Publikum in Berlin unvergessliche Momente zu bescheren.



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