November 2010

Heldendämmerung

Der neue Rienzi der Deutschen Oper Berlin auf DVD

Partner Leserbrief/readers comment Druckversion/printversion

Heldendämmerung

Der neue Rienzi der Deutschen Oper Berlin auf DVD

Von Heiko Schon

Rienzi DOB DVD

So funktioniert heutzutage die Aufnahme einer Opernproduktion: Eine Produktionsgesellschaft (Unitel) sucht sich mehrere Kooperationspartner, z. B. ein Opernhaus (Deutsche Oper Berlin) und ein, zwei Fernsehsender (ZDF/Arte und CLASSICA), und zeichnet gleich mehrere Vorstellungen der Premierenstaffel auf. Anschließend sichtet man das Material, siebt hier was aus, schnippelt dort was ab, klebt es wieder kunstvoll aneinander und bringt das Resultat als DVD in die Läden. Philipp Stölzl inszenierte Anfang des Jahres Wagners Rienzi. Mag es diesen Abend so auch nicht gegeben haben, das Ergebnis kann sich durchaus sehen und hören lassen.

Was wiederholt ins Auge fällt, ist die Kunst der visuellen Verführung: Bilder, die manipulieren, gruppendynamische Prozesse, ein protzender Politiker, Posen, Possen, Propaganda. Handwerklich ist das nahezu perfekt in Szene gesetzt: Die Wurzeln des Regisseurs Stölzl (vom Bühnenbild übers Musikvideo bis hin zum Kinofilm) sind unübersehbar. Schon für einen Rammstein-Clip bediente sich Stölzl bei Leni Riefenstahl, für seinen Rienzi zitiert er zudem Fritz Lang. Stölzl verschiebt den Beginn der Handlung ans Ende der Goldenen Zwanziger: Lang, ein Vertreter dieser Zeit, hat ausgedient; eine geradlinige Schwarzweißästhetik soll den Führer ins rechte Licht rücken.

Mitunter ist das Bild etwas grobkörnig, dafür überzeugen Kamera und Schnitt: die Blickwinkel stimmen, der Fokus liegt auf der Titelfigur.

Stölzl hat in Torsten Kerl einen idealen Darsteller für seinen Rienzi gefunden. Kerl balanciert gekonnt zwischen Volkstribun und Diktator-Karikatur, ist mal schmierig, mal selbstherrlich, dann deprimiert, zuletzt gebrochen. Kerls Stimme sitzt "vorn", sein Tenor hat Kraft (aber auch Schmelz) und einen kernigen, ansprechenden Klang. Egal ob live oder Konserve: Camilla Nylund ist eine herbe Enttäuschung. Permanentes Forcieren lässt ihren Sopran in eine unangenehme Schärfe kippen, wodurch mehr als ein hoher Ton sein Ziel verfehlt. Selbst darstellerisch entpuppt sich Nylund als Fehlbesetzung, wirkt diese Irene wie bestellt und nicht abgeholt. Dagegen legt Kate Aldrich einen singschauspielerischen Durchmarsch vor, bezaubert mit ihrem temperamentvollen, intensiven Adriano. Lenus Carlson ist ein reichlich ausgeleierter Kardinal Orvieto. Die Herren Ante Jerkunica (Steffano Colonna), Krzysztof Szumanski (Paolo Orsini) und Clemens Bieber (Baroncelli) agieren unauffällig, einzig Stephen Bronk ragt bei den Nebenrollen mit seinem beherzten Cecco del Vecchio heraus.

Der Chor der Deutschen Oper gehört erneut über den grünen Klee gelobt, serviert dieser doch unter der Einstudierung von William Spaulding glänzend-geschlossene Spitzenqualität. Die in der entsprechenden Aufführungskritik getroffene Prognose, mit dieser Leistung zum dritten Mal in Folge die Auszeichnung zum "Chor des Jahres" zu kassieren, ist inzwischen eingetroffen. Das Orchester der Deutschen Oper Berlin zeigt sich unter der Leitung von Sebastian Lang-Lessing als profilierter Interpret der Werke Richard Wagners. Der Kunde kann zwischen den Sound-Formaten PCM Stereo, Dolby Digital 5.1 und DTS 5.1 wählen; die Extras sehen lediglich ein "Making Of" vor, was auch hier die Frage provoziert, warum man eine reine Spieldauer von 156 Minuten auf zwei DVD's pressen musste.



©www.klassik-in-berlin.de