November 2007

Abschied eines ganz Großen

Menahem Pressler gab sein letztes Konzert mit dem Beaux Arts Trio in Berlin

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Abschied eines ganz Großen

Menahem Pressler gab sein letztes Konzert mit dem Beaux Arts Trio in Berlin

Von Leyla Jasper

Viele große Interpreten der Vergangenheit durften mit Stolz auf ihre lange und erfolgreiche Karriere zurückblicken: Horowitz, Menuhin, Rubinstein oder Richter, um nur einige zu nennen. Menahem Pressler, Pianist und Gründer des legendären Beaux Arts Trio, nahm seinen Abschied vom Berliner Publikum mit 83 Jahren.

Menahem Pressler

Es ist nicht einfach, einen solch großen Künstler zu porträtieren. Die Worte eines Dichters seien schon seine Taten, bemerkte einmal ein Poet. Umformuliert auf Interpreten könnte man sagen: Es sind die Konzerte und Aufnahmen, die keiner weiteren Erklärungen bedürfen. Jedoch ist die Kunst Presslers so einzigartig, so individuell, dass es sich lohnt, sein Klavierspiel zu analysieren, um seine Hauptmerkmale festzuhalten. Vor allem dann, wenn es keine Konzerte mehr geben wird, denn Presslers zahlreiche CD-Einspielungen gewähren keine Vorstellung dessen, was für einen Genuss nicht nur für die Ohren, sondern auch für die Augen das Spiel dieses großen Pianisten bietet.

Am Klavier ist er ein Poet, ein Romantiker, dem die Welt der Musik sich erschließt, weil er mit viel Herzenswärme und Liebe in diese Welt eintritt. Jede Komposition, jede Phrase, jeden Ton bewundert und liebt der Pianist für ihre Einmaligkeit. Mit begeistertem Dichterauge erforscht Pressler jede einzigartige Schönheit in der Musik und gibt sie dann in voller Pracht wieder. Eine gewisse Naivität ist dabei unabdingbar. Ein Kind, das neugierig in die Welt schaut und nicht die Fähigkeit verliert, diese schöne Welt zu bewundern, steckt in jedem wahrhaft großen Künstler - egal in welchem Alter. Kein Wunder, dass die Musik bei ihm lebt und atmet, alles bewegt sich nicht nach mechanischen Gesetzen, sondern nach organischen, das ewige Leben in der Kunst nachahmend.

Was macht Presslers Spiel so faszinierend? Alles lässt sich nicht erschließen, jedoch möchte man auf manche interessante Ideen des Pianisten ein Licht werfen. Jeder weiß, dass der erste Schlag im Takt der stärkste ist. Er wird auch leicht betont, und dadurch wird die Musik metrisch. Jedoch meinte noch Heinrich Neuhaus, das Klavierspiel nach dem Metronom gleiche dem Pulsschlag eines Toten - bei lebenden gesunden Menschen schwankt der Puls immer. Pressler spielt immer mit gesunden Rubati, mit Zäsuren an bedeutenden Stellen des Umbruches. Und noch etwas: Er betont recht oft nicht den starken, sondern den schwachen Schlag des Taktes! Er synkopiert freilich den Notentext. Was erreicht er damit? Wenn ein absolut metrisches Spiel von der Schwerkraft der Erde bestimmt ist, so ahmt ein Spiel, das die Metrik durch leichte Synkopen und Verlagerung der Akzente überwindet, das Bewegungsmuster einer Welle nach. Eine geniale Idee, die die Musikmaterie stets vorantreibt! Auch bei der Phrasierung handelt der Pianist unkonventionell. Wenn bei den meisten Musikern die Phrasen zu ihrem Ende streben, so markiert Pressler ihren Anfang. Damit schafft er einen mächtigen Impuls, der weitere Wellen schlägt. Es ist eigentlich gegen alle Logik des Textes, doch das Ergebnis ist überzeugend: Die Musik pulsiert und lebt. Sein Klavier erreicht dabei eine ungeheure Vielfalt an Farben. Zwischen dem leisesten Pianissimo, das niemals im Saal untergeht, bis zum lautesten Fortissimo, das niemals grob wird, entstehen alle erdenklichen Abstufungen des Klanges.

Ein Phänomen sind Presslers Hände. Trotz seines Alters könnte man denken, sie sind knochenlos, absolut elastisch, durch ihre Plastizität zu jeder Umformung fähig. Mal streicheln seine Hände die Tasten ganz zart, mal reißen sie sich wie verbrannt von der Tastatur weg, mal fliegen sie hoch auf, mal ballen sie sich zur festen Faust, und dann hat man auch das Gefühl: Mit der Faust und nicht mehr mit den Fingern spielt der Pianist!

Wenn Pressler auf der Bühne ist, und in vollkommener Harmonie mit den Partnern musiziert, und sie über die Schulter mit dem Kopf dirigiert, und zusammen mit den Streichern Atem holt, so möchte man nicht wahrhaben, dass dieser große Pianist sich vom Publikum verabschiedet und sich vom Konzertpodium zurückzieht.



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