February 2004

Paul Moors Lebenswerk mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt

Partner Leserbrief/readers comment Druckversion/printversion

Paul Moors Lebenswerk mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt

by Nancy Chapple

Paul Moor, amerikanischer Musikkritiker mit starken professionellen und emotionalen Verbindungen zu Berlin und Deutschland, wurde im Januar das Bundesverdienstkreuz verliehen. Geehrt wurde er für seine Rolle als kultureller Mittler zwischen Deutschland und der englischsprachigen Welt über mehr als fünf Jahrzehnte.

Buch

Seine herausragende professionelle Leistung waren seine intensiven, psychoanalytisch bahnbrechende Schriften zu Jürgen Bartsch, in den sechziger Jahren des Mordes an vier Jugendlichen verurteilt. Zunächst zufällig wurde Moor für Bartsch während seiner Jahre im Gefängnis die wichtigste Kontaktperson mit der Außenwelt; die beiden tauschten Hunderte von langen Briefen aus. Als er sich mit dem Fall vertraut machte, war es zunächst seine eigene Psychoanalyse - ein Wendepunkt in seiner persönlichen Entwicklung - die ihm ein Rahmenwerk bot, um das zu verstehen, was Bartsch durchgemacht hatte. Es begann mit "informatorischen" professionellen Schulungen in Psychotherapie bei zwei bekannten Instituten, dem Institut für Psychotherapie und dem Berliner Psychoanalytischen Institut - daraus wurden dann acht Jahre Training. Der Briefwechsel mit Bartsch war äußerst anstrengend, aber Moor fühlte sich moralisch verpflichtet, seinen Teil so gewissenhaft wie möglich aufrecht zu erhalten. Das, was Moor hierzu schrieb, zunächst als Reportage für Die Zeit, und später in zwei Büchern, zuletzt bei Rowohlt unter dem Titel Jürgen Bartsch: Selbstbildnis eines Kindermörders veröffentlicht, erforscht den psychologischen Hintergrund des Täters, seine schwierige Kindheit, die Motivationen für die Morde. Zwei Theaterstücke auf Basis des letzten Buches wurden vielfach in deutschsprachigen Theatern aufgeführt. Man sagt, dass das was er zu diesem Fall schrieb, nicht nur veränderte, wie man über psychologische Fälle in den deutschen Medien berichtet sondern auch wie das Rechtssystem mit solch schwierigen Fällen umgeht.

In Texas im Jahre 1924 geboren, studierte Paul Moor Klavier an der Juilliard School of Music und der Universität von Texas und machte mit 19 seinen Abschluss. Obwohl er ursprünglich beabsichtigte, eine Laufbahn als Konzertpianist einzuschlagen, wendete er sich 1947 dem Schreiben zu und wurde freischaffender Schriftsteller und Journalist. Kurz darauf zog er nach Europa, wohnte einige Jahre in Paris und München, bevor er 1956 nach Berlin kam. Als er 1982 nach San Francisco zog, nahm er an, dass er Europa für immer hinter sich gelassen hatte. Aber, gefesselt von den Fernsehbildern des Mauerfalls, begriff er, dass Berlin doch seine Heimat geworden war, mehr als jeder andere Ort. Seit 1995 ist er jetzt wieder in Berlin.

Paul Moor

Die Feier zur Laudatio fand am 16. Januar 2004 in Anwesenheit einer kleinen Gruppe enger Freunde statt. Paul Moor betont, dass es ihm nach Jahren als Beobachter und Zuhörer unbehaglich war, derjenige zu sein, der angeschaut und angehört wurde - aber auch dass es ein äußerst ergreifendes Erlebnis war. Um einige Auszüge der von der Staatssekretärin Barbara Kisseler gehaltenen Laudatio zu zitieren: "Sie werden ausgezeichnet, weil es Ihnen in den über 60 Jahren Ihrer künstlerischen und journalistischen Tätigkeit wie nur sehr wenigen Persönlichkeiten gelungen ist, die kulturellen Leistungen unseres Landes in der Welt bekannt zu machen. Als gesellschaftlich engagierter Journalist internationaler Magazine haben Sie ... für die Qualität deutscher Kunst und Kultur geworben. ... Sie haben damit ganz ohne Zweifel zu einer besseren Verständigung zwischen den Ländern oder, besser und konkreter gesagt, seinen Menschen beigetragen. ... Das Beeindruckende dieses Werks [zu Jürgen Bartsch, Anmerkung des Autors] liegt auch darin, dass Ihnen als außenstehenden Amerikaner auffiel, was die bundesrepublikanische Gesellschaft von damals nicht sah oder sehen wollte: Das Grausame der Erziehung, die Jürgen Bartsch durchlitten hatte. ... Mit Ihrem schockierenden und beunruhigenden Buch zeigen sie das fehlgeleitete Leben eines Kindermörders als Opfer und Täter. ... Sie sind das lebende Beispiel engagierten Journalismus. ... Ihre Arbeit ist ein wundervolles Beispiel für intensiv gelebte deutsch-amerikanische Geschichte."

Über die Jahrzehnte schrieb Paul Moor - und gelegentlich war auch als Fotojournalist tätig - für Time, Life, The Financial Times, The Times, The International Herald Tribune, High Fidelity und Musical America, und bereitete Rundfunksendungen für CBS, CBC und für den Sender Freies Berlin vor. Der große Durchbruch gelang ihm mit einem Bericht über den ersten Internationalen Tschaikowski Wettbewerb in Moskau 1958, bei dem der Texaner Van Cliburn überraschend den ersten Preis gewann - er schrieb eine sechzigseitige Titelgeschichte für Time und machte in der selben Woche die Fotos für den langen Artikel dazu bei Life. 12 Jahre lang schrieb er für Time vom Berliner Stützpunkt aus über alles, ausgenommen Politik. Moor erinnert sich gerne an die großzügigen Spesen für Reisen durch Europa, insbesondere Osteuropa. Ab den sechziger Jahre schrieb er auch für die geachtetesten Zeitschriften der deutschen Medienszene, zum Beispiel für das Berliner Ressort der Zeit und zu Musikthemen für den Spiegel. Paul Moor investierte eine große Menge seiner beachtlichen Energie in die Erforschung der Hitler-Jahre in Deutschland; ein besonderer Schwerpunkt lag dabei auf dem Verständnis für die historische Wahrheit hinter dem Handeln und den Motivationen verschiedener berühmter Musiker der Zeit, z. B. Wilhelm Furtwängler, Richard Strauss, Herbert von Karajan.

Als ich ihn fragte, ob er überrascht sei, dass ein Musikkritiker in Deutschland aufgrund seiner Arbeit zu den psychoanalytischen Nuancen eines Mörderfalls berühmt wird, meinte Herr Moor, dass "...von meinem ganzen Werk dieser Fall den stärksten Eindruck auf die nicht musikalische deutsche Bevölkerung machte." Heute schreibt er für Musical America drei Artikel pro Woche über die Musikszene Berlins. Auch arbeitet er derzeit an einem Buch über die persönliche Freundschaft mit Sviatoslav Richter, dessen Mutter er in der Bundesrepublik nach Jahren der unfreiwilligen Trennung wieder fand. "Texas-Paule" ist ein Begriff bei allen Institutionen der klassischen Musik in Berlin.



©www.klassik-in-berlin.de