Im Anflug auf Berlin

Die Orchester starten turbulent ins neue Jahr

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Im Anflug auf Berlin

Die Orchester starten turbulent ins neue Jahr

von Heiko Schon

Nein, das ist kein weiterer hämischer Artikel über Berlins Großflughafen. Klaus Wowereit hat den Misstrauensantrag (oder heißt er Mistbauen-Antrag?) ja überstanden und deshalb beschäftigen wir uns jetzt lieber mit einer anderen Nachricht, die aufhören lässt: Simon Rattle wird seinen Vertrag nicht noch einmal verlängern und beendet seine Position als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker. Die Abreise ist zwar erst auf Sommer 2018 datiert, aber die Frage, wer auf Sir Simon folgen wird, liegt damit auf dem Tisch. Schau'n mer mal! Auch das Rundfunk-Sinfonieorchester sorgt mit dem konzertanten Wagner-Zyklus weiterhin für Spannung. Eigentlich kann und will man's gar nicht glauben, dass nach Siegfried (01.03.2013) und Götterdämmerung (15.03.2013) nun bereits Schluss sein soll.

12. Januar 2013 - Philharmonie

Programm
Sergej Prokofjew - Iwan der Schreckliche

Mitwirkende
Deutsches Symphonie-Orchester Berlin
Tugan Sokhiev - Dirigent
Rundfunkchor Berlin
Staats- und Domchor Berlin
Olga Borodina - Mezzosopran
Ildar Abdrazakov - Bass
Wladimir Kaminer - Sprecher und deutsche Texte

Tugan Sokhiev steht mit seinem Projekt noch am Anfang. Der neue DSO-Chef will seine Landsmänner Schostakowitsch, Rimski-Korsakow, Strawinsky und Prokofjew in den thematischen Mittelpunkt rücken, vor allem mit Werken, die hierzulande so gut wie nie gespielt werden. Die Idee klingt nicht übel, doch der Höhepunkt von Sokhievs erster Saison - Prokofjews Iwan, der Schreckliche - kann inhaltlich nicht überzeugen. An dieser Stelle muss vorweg genommen werden, dass es sich ursprünglich um eine Filmmusik handelt. Nach dem Tod Prokofjews stellte Abram Stassewitsch aus der Partitur ein Oratorium zusammen, in welches er verbindende Zwischentexte einfügte. Um einem deutschen Publikum diese alten Texte zu ersparen, wurde Wladimir Kaminer, der Autor von Russendisko, gebeten, neue zu schreiben. Allerdings spricht Kaminer so undeutlich, dass man nur einen Bruchteil seiner Worte versteht. Zudem wird der problematischen Architektur des Stücks damit kein Gefallen getan. Sokhiev hätte also lieber auf einen Sprecher verzichten sollen (wie es Valery Gergiev auf seiner Einspielung getan hat). Musikalisch gibt's freilich wenig zu beanstanden: Das DSO spielt herrlich vielfarbig und klangprall; Olga Borodina bezaubert mit einem Mezzo, der so dunkel ist und eine so große Tiefe hat, dass ich ihn bald als "Damenbass" bezeichnen würde; Ildar Abrazakov singt einen sehr maskulinen Fjodor Basmanow, und die Chöre feuern, was das Zeug hält.

15. Januar 2013 - Philharmonie

Programm
Ludwig van Beethoven - Symphonie Nr. 7
Igor Strawinsky - Der Feuervogel
Maurice Ravel - Bolero

Mitwirkende
Wiener Philharmoniker
Georges Prêtre - Dirigent

Drei Tage später sind die Wiener Philharmoniker unter Georges Prêtre zu Gast. Reden wir nicht über den etwas altmodisch daherkommenden Beethoven und nicht über den bunt gefiederten, sich majestätisch aufschwingenden, aber letztlich lahmen Feuervogel. Nein, die letzten fünf Minuten von Bolero sind's, und erst recht die beiden Zugaben, die dieses Konzert zum Ereignis werden lassen. Ein Orchester, welches Ravels mechanische Melodie in derart schillernden Farben serviert, hat Berlin sicher auch zu bieten, aber in puncto Johann Strauß macht den Wienern halt keiner was vor. Ja, einmal die Tratsch-Tratsch-Polka hören, und zwar live gespielt von den Wiener Philharmonikern… Für mich ging damit ein Traum in Erfüllung.



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