März 2004

Kent Nagano: Eine ungezügelte und uneingeschränkte, grenzenlose Liebe zur Musik

Der Chefdirigent des DSO spricht über Berlin, Musik, Leidenschaft und seine Zukunft

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Kent Nagano: Eine ungezügelte und uneingeschränkte, grenzenlose Liebe zur Musik

Der Chefdirigent des DSO spricht über Berlin, Musik, Leidenschaft und seine Zukunft

Von Nancy Chapple (aus dem Amerikanischen von Jens Paape) / Fotos: Jens Paape

Kent Nagano

Wann waren Sie das erste Mal in Berlin?
Das erste Mal kam ich als Gast des Deutschen Symphonie-Orchesters im Rahmen der Serie "Musik der Gegenwart". Das war als die Mauer fiel. Dr. Elmar Weingarten, der damalige Intendant des DSO, bemühte sich damals über vier oder fünf Jahre mich für ein Konzert nach Berlin zu holen. Bei diesem ersten Besuch habe ich kaum etwas von der Stadt mitbekommen. Ich gab das Konzert und habe dann noch den todkranken Komponisten Isang Yun besucht. Sozusagen als Hommage, beinahe eine Pilgerfahrt. Außer daran, erinnere ich mich nur an den großen Sendesaal. Das ist schon ein beeindruckendes Gebäude, das einem im Gedächtnis bleibt. Erst knapp 10 Jahre später kam ich zurück, wieder auf Einladung Weingartens. Zu dieser Zeit traf es sich, dass das DSO einen Dirigenten suchte und plötzlich war da zwischen uns eine spezielle Chemie. Nicht beim ersten Zusammentreffen, aber jetzt beim zweiten. Ich selbst hatte mich sicher als Dirigent weiter entwickelt, ich war nicht mehr so jung und unerfahren. Irgendwie hat es gut funktioniert und das tut es immer noch.

Hat ein Orchester einen Charakter? Wie ist es beim DSO?
Das DSO ist ein ganz spezielles Orchester. Zunächst einmal rein menschlich betrachtet: Die Musiker sind die engagiertesten und ... liebenswürdigsten Menschen, die ich je in einem Orchester getroffen haben. Jeder ist der Musik so verpflichtet, dass sie einzig dann ungehalten werden, wenn sie spüren, dass der Dirigent da vorne die Musik nicht ernst genug nimmt. Oder wenn sie das Gefühl haben, dass die Proben nicht ernsthaft gemacht werden. Sie lieben es aufzutreten und zu spielen. Komischerweise ist das ein großes Kompliment: es gibt durchaus Orchester, wo die Musiker nicht alle so engagiert sind zu musizieren. Es ist ein tolles Gefühl. Es schafft so eine gute Arbeitsatmosphäre, einfach fantastisch. Die Leute bringen Partituren in die Proben und verfolgen sie während der Arbeit. Das Orchester ist bereit an vielen Details zu feilen, sie arbeiten ungewöhnlich ernsthaft. Sogar in den Proben sind die Musiker bemüht 100% zu geben. Wenn ich sie beim Spielen beobachte, bemerkte ich die ganze Zeit ihren physischen Einsatz.

Im Herbst 2000 wurde Kent Nagano Künstlerischer Leiter und Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin. 1946 als RIAS-Symphonie-Orchester gegründet, stand das Orchester trotz zweifacher Umbenennung (Radio Symphonie-Orchester) immer für zeitgenössische Musik. Nagano wird seinen Vertrag bis zum Ende der Saison 2005/2006 erfüllen und dann das Montréal Symphony Orchestra von Charles Dutoit übernehmen. Er hat bereits angekündigt, auch in den beiden folgenden Spielzeiten 2006/2007 und 2007/2008 in jeweils vier Konzertprojekten dem DSO verbunden zu bleiben. Seit 2001 ist Nagano auch Chefdirigent der Los Angeles Opera, an der Plácido Domingo Generaldirektor ist. Auch in diesem Bereich steht 2006 ein Wechsel an, wenn Nagano den Posten des Generalmusikdirektors an der Bayerischen Staatsoper übernimmt. Weiterhin arbeitet er seit 25 Jahren mit dem Berkeley Symphony Orchestra zusammen, einem professionellen Orchester, das "einen gehörigen Querschnitt der Bevölkerung in seinen Reihen integriert". Im Dezember 2000 wurde Kent Nagano vom Musical America Directory zum "Dirigenten des Jahres" gewählt und im Frühjahr 2001 bekam er den Grammy für die beste Opernaufnahme des Jahres 2000 für Busonis Doktor Faustus mit der Opéra National de Lyon.

Hat es lange gedauert mit dem Orchester eine gemeinsame Linie zu finden?
Überhaupt nicht. Das passierte augenblicklich, in den ersten 15 Minuten.

Und wurden Sie als neuer Boss akzeptiert?
Sie haben mich ja ersucht zu kommen. Und das entsprang einem Gefühl, dass wir beide hatten: Es funkte einfach zwischen uns.

Wie viel Zeit verbringen Sie pro Jahr in Berlin?
Das ist von Saison zu Saison unterschiedlich, aber ich habe schon bis zu 26 Wochen mit dem Orchester verbracht. Wenn man bedenkt, dass die normale Zeit, die ein Musikdirektor mit dem Orchester verbringt, 12-14 Wochen sind, so haben wir schon sehr viel Zeit miteinander verbracht. Ich glaube, das Orchester genießt die Stabilität. Wir haben gemeinsam entschieden, dass wir Qualität als Investition in die Zukunft ansehen und das bedeutet natürlich eine Menge Arbeit. Und genau das haben wir gemacht.

Werden Sie genau so viel Zeit in Montréal investieren, wie Sie es beim DSO getan haben?
Wissen Sie, ich denke nicht in festgelegten Zeiteinheiten. Ich glaube, als Musikdirektor muss man einfach so viel Zeit investieren, wie nötig ist. Das kann mal mehr und mal weniger sein und auch von Jahr zu Jahr schwanken. Ein Teil der Verantwortung ist, dass man einfach da sein muss, wenn man gebraucht wird. Wenn ich also die Position als musikalischer Direktor übernehme, ist es selbstverständlich, dass ich so oft da bin, wie es nötig ist, um die Aufgabe gut zu machen.

Wie fühlen Sie sich bei dem Gedanken Mitte 2006 weiterzuziehen?
Natürlich habe ich dabei gemischte Gefühle. Ich weiß nicht, ob ich je wieder ein so besonderes Orchester wiederfinden werde. Sie sind wirklich einzigartig.

Gibt es grundlegende Unterschiede bei Orchestern in den USA, Frankreich und Deutschland?
Es gibt Unterschiede, wie die Leute mit Vorschriften umgehen. Hier gibt es eine außergewöhnlich gute Balance zwischen einem selbstverwalteten und einem gewerkschaftlich organisiertem Orchester. Eine starke Gewerkschaft regelt die grundsätzlichen Fragen. Wie auch immer: Dieses Orchester stellt die Musik als oberste Priorität über die Regularien. Zum Beispiel: wenn die Musiker merken, dass ein Konzert - ohne das jemand Schuld ist und der Dirigent gut gearbeitet hat - noch zusätzliche Probenzeit erfordert, dann sagen sie: Ok, lasst uns weitermachen. Das könnte auch in Amerika passieren, aber ich habe es nie erlebt. Zumindest nicht mit den Orchestern, mit denen ich gearbeitet habe. Die Vorschriften werden einfach als unbeugsam betrachtet. Für das DSO ist es die absolut höchste Priorität, das Beste aus der Musik zu machen.

1951 geboren, wuchs Kent Nagano in Morro Bay, Kalifornien auf - "einer Kleinstadt irgendwo im Niemandsland vier Stunden nördlich von Los Angeles und 4 ½ Stunden südlich von San Francisco". Er hatte das große Glück ein Konservatorium zu besuchen, das von Wachtag Korisheli, einem Exil-Georgier, der zuvor an Münchens Hochschule gelehrt hatte, geleitet wurde. Diese Schule hat "eine erstaunliche Anzahl von professionellen Musikern hervorgebracht, die alle möglichen Arten von Musik machen - in Bands und in angesehenen Orchestern. Und alle kommen aus dieser kleinen Stadt!" Nagano studierte dann Komposition an der University of California in Santa Cruz und der San Francisco State University. Nach einer schrittweisen Verlagerung seines Schwerpunktes in Richtung Dirigieren, ging er an Sarah Caldwells Opera Company in Boston in die Lehre und wurde Assistent von Seiji Ozawa beim Boston Symphony Orchestra. Seine nächsten Stationen waren die Opéra National de Lyon (1988-1998) und Manchesters Hallé Orchestra (1991-2000). Er lebt mit seiner in Japan geborenen Frau und seiner fünfjährigen Tochter (die Französisch, Deutsch, Englisch und Japanisch spricht) in Paris und San Francisco.

Bestimmen Sie allein, was bei den DSO Konzerten gespielt wird?
Nicht für die ganze Saison. Ich arbeite eng mit dem Orchester zusammen, um sicherzustellen, dass die Saison ausbalanciert ist. Ein Teil des Aufstiegs des Orchesters ist den stabilen und gesunden Dienstbedingungen und -plänen zu verdanken. Und auch einem ausgewogenen Repertoire über die Saison, nicht zu sehr auf eine Richtung fokussiert. Bei meinen Programmen lege ich natürlich fest, was wir spielen.

Hat das Orchester bestimmte musikalische Vorlieben?
Nun ja, jeder hat seinen individuellen Geschmack. Das Wichtigste ist, ein Werk wirklich als großartig zu betrachten. Wir versuchen sicherzustellen, dass praktisch das ganze Repertoire, das wir auf die Bühne bringen, aus wirklich großartigen Werken besteht. Bei Stücken, die noch nicht geschrieben sind, versuchen wir mit Komponisten zusammenzuarbeiten, mit denen wir eine gute Verbindung haben.

Wenn Sie Gastkomponisten haben, arbeiten Sie dann ab einem bestimmten Punkt zusammen und sprechen über Konzepte und Klänge?
Nein. Aber ich kann mir nicht vorstellen, einen Komponisten als Composer-in-Residence einzuladen oder mit ihm eine Uraufführung zu gestalten, wenn seine Kompositionen nicht etwas Besonderes oder Bedeutungsvolles sind. Viele Orchester bewerben sich bei besonderen Agenturen für neue Musik, einfach um zu einem Kreis zu gehören, der Uraufführungen gibt. Für uns ist es wichtig, dass das Orchester ein Repertoire spielt, das sie als großartige Musik schätzen können.

Kent Nagano

Ich haben gesehen, dass Sie wieder Schostakowitschs Nos an der Staatsoper dirigieren. Macht Ihnen das Spaß?
Ja, es ist wirklich eine großartige Partitur. Natürlich hätte ich die Premiere dirigieren und dann die weiteren Aufführungen einem zweiten oder dritten Dirigenten überlassen können. Aber wenn ich etwas angefangen habe, habe ich das Gefühl mich um die Produktion kümmern zu müssen, so lange es möglich ist. Das ist wieder ein philosophisches Thema.

Haben Sie mit dem Regisseur zusammengearbeitet? War es ein gemeinsames Konzept?
Nein, nein. Es ist Peter Mussbachs Produktion. Wir kennen uns schon eine ganze Weile und haben die Zusammenarbeit sehr genossen.

Werden Sie in der Lage sein in der nächsten und übernächsten Saison konzentriert mit dem DSO zusammenzuarbeiten? Sie haben so viele Verpflichtungen...
Eigentlich sind es gar nicht viele. Es sieht vielleicht so aus, aber das liegt eher daran, dass wir heutzutage so weit im Voraus planen müssen. Für jetzt und bis 2006 ist das DSO mein einziges Orchester. Klar, das Berkeley Symphony ist ein Orchester, mit dem ich schon seit 25 Jahren zusammenarbeite, aber die Verpflichtungen in Bezug auf Konzerte sind nur vier Wochen im Jahr, also keine große zeitliche Verpflichtung. Es ist nur das DSO. Ich habe mich verpflichtet, praktisch all meine zusätzlichen Wochen mit dem DSO zu verbringen, um eine wirklich starke Bindung zu erhalten, statt Gastdirigate anzunehmen. Weiterhin bin ich natürlich Generalmusikdirektor der Los Angeles Opera. Also, ein Orchester und eine Oper. Das wird auch 2006 so sein, nur dass dann das Opernhaus die Bayerische Staatsoper sein wird und das Orchester Montréal.

Aber Sie haben dann immer noch die Verbindung zu Los Angeles?
Nein. In meinem Leben, habe ich festgestellt, dass ich meine ganze Energie in komplette Projekte stecken muss. Das bedeutet für mich: maximal ein Opernhaus und ein Orchester. Bisher habe ich noch keinen Weg gefunden mich in kleinere Stücke zu zerteilen.

Sind ein Opernhaus und ein Orchester ein ausgewogenes Verhältnis für Sie?
Ich liebe beides: Opern- und symphonische Literatur. Bis heute gab es für mich keinerlei Unbehagen zwischen beiden hin und her zu wechseln. Andererseits ist es einfach wunderbar und erfrischend nach einer Periode von Opernaufführungen eine längere Zeit symphonischer Literatur zu widmen. Oder anders herum: zum Theater zurückzukehren. Beide bieten gegensätzliche Aspekte, das ist inspirierend und wundervoll. Beides zu vereinen kostet einige Anstrengung im Sinne von Planung, aber seit 1989 habe ich es geschafft eine Balance zu halten.

Wenn ich Ihre Webseite betrachte, fällt auf, dass Sie sehr viel reisen müssen.
Damit habe ich mich nie wohlgefühlt. Es stimmt, einige Male musste ich innerhalb einiger Wochen mehr reisen, als erträglich war. Ich bin nicht besonders reisefreudig, ich ziehe es vor eine Weile an einem Ort zu verweilen, bevor ich weiterziehe. Ich kenne Menschen mit anderen physischen Voraussetzungen, wie z.B. meinen Kollegen Plácido Domingo: Er kann ein Konzert in der Metropolitan Oper in New York singen, kurz nach Los Angeles fliegen, um ein paar administrative Aufgaben zu erledigen und dann zurück in Washington eine Oper dirigieren. Er hat das erstaunlichste physische Durchhaltevermögen, das ich jemals gesehen habe. Ich könnte das nicht.

Habakuk Traber, der beim DSO die Konzerteinführungen hält, schrieb das Buch
Kent Nagano: Musik für ein neues Jahrhundert
Henschel Verlag 2002. Nagano Buch

Was für ein Gefühl war es, eine Biographie über sich geschrieben zu bekommen?
Das war gerade zu der Zeit, als eine andere Geschichte passierte: Ich stand Model für eine Büste, die für die Stadt Berkeley gefertigt wurde. Das erste, was ich dachte war: "Ich bin noch nicht tot!" Ich war der Meinung, dass man eine Büste erst nach dem Tod bekommt und dass Bücher frühesten im späten Herbst des Lebens über einen geschrieben werden. Mein erster Gedanke war: "So weit bin ich noch nicht!"

Und die Büste steht jetzt irgendwo in Berkeley?
Nein, es wird noch daran gearbeitet.

Werden Sie die Möglichkeit haben die Produktionen an der Bayerische Staatsoper stärker zu beeinflussen?
Produktionen an großen Opernhäusern sind im Wesentlichen Teamwork. Ich habe viele Kollegen, die Spezialisten auf ihren Feldern sind. Die Bayerische Staatsoper hat eine fantastisches Team vor Ort. Es ist eines der größten und ambitionierten Opernhäuser der Welt - es ist eine große Ehre und ein Privileg Teil dieses Teams zu werden.
In Los Angeles könnte es gegensätzlicher nicht sein. Es ist ein sehr junges Opernhaus, gerade 10 Jahre alt und es gibt dort eine andere Art von Teamwork. Wir müssen uns dort Gedanken machen über den Aufbau eines Repertoires, das dort noch nie gespielt wurde: König Blaubarts Burg wurde nie gespielt. Tannhäuser oder Lohengrin nicht. Idomeneo wurde noch nie aufgeführt. Auch der Ring der Nibelungen nicht. Es gibt riesige Lücken im Repertoire. Sie können sich vorstellen: Die Frage ist, wie viel der unglaublichen Menge an Literatur kann man in 10 Jahren auf die Bühne bringen. Die Verantwortung die richtigen Entscheidungen zu treffen, ist eine ganz andere als bei einem Opernhaus mit einer langen und glorreichen Tradition wie München.

Denken Sie auch gemeinsam mit anderen Verantwortlichen darüber nach, welche Stücke den Saal füllen?
Natürlich. Für mich funktioniert es gut in einem Team zu arbeiten. Und ich fand mich nie in einem übermäßig personlichkeitsgetriebenen Team, wo ein diktatorischer Ton herrschte. Die Entscheidungen und die zündenden Ideen entstehen aus Dialog und Diskussion - aus kollektiven Träumen. Und im Verlauf dieses kollektiven Träumens und den Gesprächen, kristallisieren sich die relevanten Stücke, die aufgeführt werden sollen, automatisch heraus. Wir bringen alle wundervolle Ideen ein und wenn wir diese dann Stück für Stück durchgehen, erkennen wir, was jetzt, hier und heute das Passende für das Programm ist.

Diesen Winter haben Sie in Los Angeles Madame Butterfly 14 mal und Die Frau ohne Schatten 7 mal dirigiert. Wie ist das, das selbe Stück immer und immer wieder zu spielen? Können Sie jeden Abend neue Dinge darin finden?
Man muss! Es ist wichtig die Spannung zu erhalten, die Vorteile daraus zu ziehen, dass ein Programm wiederholt aufgeführt wird. Man hat tatsächlich die Chance tiefer in eine Partitur einzutauchen - vorausgesetzt es ist eine gute Partitur. Wenn nicht, dann hat man am ersten Abend, das herausgeholt, was rauszuholen ist. Aber sonst muss man die Noten jeden Tag erneut studieren und überdenken. An den Tagen an denen wir Die Frau ohne Schatten aufgeführt haben, habe ich täglich vier Stunden die Noten studiert, dann eine Pause und anschließend die Aufführung.

Gehen Sie die Partitur am Klavier durch?
Ja, am Klavier. Oder einfach im Stillen nachdenkend. Den Ablauf der Oper ins Gedächtnis rufen und daran erinnern, was am Vorabend hätte besser laufen können.

War es von Anfang an klar, dass Sie Dirigent werden wollen?
Ich habe nie gedacht, dass ich Dirigent werden würde. Es hat sich einfach so entwickelt. Vielleicht nicht ganz zufällig, aber es war keine vorhersehbare Entwicklung. Ich habe zunächst Komposition studiert. Kollegen und Freunde haben mich dann gebeten, ihre Arbeiten zu dirigieren. Und als sich herausstellte, dass ich helfen konnte ihre Aufführungen hinzubekommen, wurde ich immer wieder gefragt. Das hatte zur Folge, dass ich weniger Zeit damit verbrachte selbst zu komponieren und mehr damit beschäftigt war anderer Leute Musik zu dirigieren. Eines Tages erkannte ich, dass ich das mehr als alles andere machte.

Sie müssen schon früh - mit 20 - die Fähigkeit gehabt haben, jede Partitur zu lesen und umzusetzen.
Ich glaube nicht, dass das so außergewöhnlich ist, wenn man Musik in einem frühen Alter schon zu lesen gelernt hat. Es ist wie Lernen Bücher zu lesen. Wenn es eine Leidenschaft ist, dann ist es keine Verpflichtung mehr.

Kent Nagano

Komponieren Sie noch selbst? Würden Sie gern?
Nein, seit meinen Tagen an der Universität nicht mehr. Manchmal arrangiere ich Stücke und stütze mich dabei auf meine Fähigkeiten als Komponist. Ich denke, ich war von meinem Talent als Komponist nie wirklich überzeugt. Ich habe mich sehr intensiv mit Werkanalyse und mit Kompositionstechniken im Studium beschäftigt, aber das kann man noch nicht als Komponieren bezeichnen. Komponieren ist etwas völlig anderes als Wiedergeben oder Interpretieren. Sich vor ein leeres Stück Papier setzen um es mit neuen Ideen zu füllen ist sehr ernüchternd und entmutigend. Ehrlich gesagt, waren die meisten kleineren Stücke, die ich komponiert habe Studienarbeiten, die von einem Professor beeinflusst waren. Mein Gefühl war, dass sich so etwas bei Leuten, die wesentlich mehr Talent haben, irgendwie stärker manifestieren muss, als es bei mir der Fall war! Die meisten Komponisten hören oft ihre eigenen Stücke gar nicht in einer Aufführung. Stellen Sie sich vor, wie frustrierend das sein muss! Sogar Bruckner hörte nur wenige seiner Stücke aufgeführt, sicherlich nur einige seiner Symphonien. Man sollte nie vergessen, dass es wirklich etwas Besonderes ist, wenn ein Komponist aufgeführt wird. Was treibt also die vielen Komponisten weiter zu machen? Sie müssen diesen starken Antrieb, diese große Leidenschaft und unerschöpfliche Quelle von Kreativität haben.

Was zeichnet einen großen Dirigenten aus?
Eine ungezügelte und uneingeschränkte, grenzenlose Liebe zur Musik. Das ist die erste und wichtigste Voraussetzung. Nur damit erreicht man die Disziplin Stunden um Stunden zu studieren, Stunden um Stunden konsequent zu lernen. Und dabei meine ich nicht nur die Partituren selbst, sondern genauso die Quellen, die einen die Partitur erst wirklich verstehen lassen - Literatur, Bildende Künste, Theater, von der Umgebung lernen, so dass man einen Blick auf die dritte, vierte oder fünfte Ebene werfen kann. Das passiert nicht automatisch. Man muss konzentriert und fokussiert daran arbeiten, dass dieser Lernprozess nicht aufhört. Die Türen offen zu halten, beansprucht viel Zeit. Um sich dieser Sache richtig zu widmen - und ich spreche von 17 Stunden am Tag, 7 Tagen die Woche, 4 Wochen im Monat und 12 Monaten im Jahr - muss man schon von überwältigender Leidenschaft getrieben sein.

Aber was Sie beschreiben - die Leidenschaft, die Liebe - könnte auch hinter verschlossenen Türen stattfinden. Ein guter Dirigent muss auch bestimmte soziale Fähigkeiten besitzen.
Ich glaube, Sie haben Recht. Menschen zu überzeugen einem zu folgen, ist nicht unbedingt leicht. In meinem Fall, ist meine Persönlichkeit vielleicht etwas ungewöhnlich. Verglichen mit einigen meiner Kollegen habe ich eine sehr zurückhaltende Art, fast schüchtern und nicht extrovertiert.

Ich hätte tatsächlich gedacht, dass ein Dirigent eher extrovertiert sein müsse.
Es ist ungewöhnlich, dass sich dieser Beruf für mich ergeben hat, da ich mich als jemanden beschreiben würde, der zurückhaltend ist und leise spricht. Ich sehe nicht ein, warum ich ständig reden oder extrovertiert sein soll.

Was für eine Beziehung haben Sie mit Berlin entwickelt?
Vom ersten Moment in Berlin und meinem Engagement mit dem DSO, habe ich den Optimismus der Stadt gespürt. Ich war gern hier und ich bin gern hier. Es ist für mich wirklich eine der großartigsten Städte der Welt.

Nancy Chapple / Kent Nagano

Sie leben in einigen großartigen Städten: Paris, San Francisco ...
Ja, da kann ich mich glücklich schätzen. Aber im Grunde meines Herzens nenne ich merkwürdigerweise Berlin mein Zuhause. Auch wenn vom Kopf und meinem Pass unsere Heimat eher Amerika und Frankreich ist. Es ist ein wunderbarer Platz zu leben ... die Schönheit, all die vielen wundervollen Seen und Bäume...

Es ist nicht Paris!
Berlin ist ganz anderes als Paris. Es ist viel weniger verschmutzt, hier kann man atmen. Und in 10 Minuten ist man mitten im Wald. Man könnte sagen, dass Paris bessere Restaurants hat, aber auch das ändert sich hier. Während meiner kurzen Zeit hier ist die Stadt enorm gewachsen. Ich muss zugeben, dass ich diese Stadt wirklich liebe. Hier zu leben ist sehr anregend.



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