Dezember 2003

Vorsicht frisch gestrichen!

Zur Situation der Musikwissenschaft in Berlin

Leserbrief/readers comment Druckversion/printversion

Vorsicht frisch gestrichen!

Zur Situation der Musikwissenschaft in Berlin

Von Melanie Fritsch

Nun scheint es amtlich zu sein: Trotz wochenlanger Proteste haben die Präsidenten der Freien Universität und der Humboldt-Universität zu Berlin die Hochschulverträge unverändert unterschrieben. Einzig die Technische Universität steht noch dagegen. Insgesamt sollen damit die Berliner Universitäten 75 Mio. Euro einsparen. Neben vielen weiteren Studiengängen wird die Musikwissenschaft besonders von den Kürzungs- und Streichungsplänen betroffen sein.

"Dass in Berlin gespart werden muss, ist wahrscheinlich jedem klar. Mit den Sparmaßnahmen im Bereich der Bildung wird allerdings in einem besonders empfindlichen und wichtigen Sektor gekürzt und auch in einem nicht akzeptablen Umfang", sagt dazu Matthias Lehmann, Mitglied der Fachschaftsinitiative an der HU-Musikwissenschaft.

Denn im Klartext bedeutet eine Umsetzung der vorgesehenen Sparpläne die Schließung der gesamten musikwissenschaftlichen Studiengänge an der Freien Universität mit z. Zt. ca. 700 StudentInnen und drei Professoren, sowie an der Technischen Universität mit z. Zt. ca. 600 StudentInnen und zwei Professoren. An der Humboldt Universität wird eine Professur wegfallen und somit die Schließung eines kompletten Lehrgebietes, der Systematischen Musikwissenschaft, unvermeidbar.

In der Folge hat dies zu bedeuten, dass von drei Instituten nur ein einziges erhalten bleibt, dass von neun Professuren nur noch drei und von augenblicklich annähernd 2000 Studienplätzen maximal 600 nach dem Kahlschlag übrigbleiben. Des Weiteren wird die Lehre am letzten verbleibenden musikwissenschaftlichen Institut qualitativ darunter leiden, denn sowohl die räumlichen als auch die personellen Gegebenheiten sind kaum so beschaffen, dass die klaffende Lücke geschlossen bzw. "abgewickelte" Studierende aufgefangen werden könnten. Überfüllte Räume, kaum leistbare Betreuung, verlängerte Wartezeiten für Prüfungen sind die Folge. Doch, Moment: sollen die Studenten denn nicht schneller und effektiver studieren? Fragt sich wie unter diesen Bedingungen.

Begründet werden diese radikalen Einschnitte damit, dass es das Fach Musikwissenschaft doch an drei Universitäten gebe und somit eine unnötige Doppelung entstehe. Was bei dieser Argumentation jedoch übersehen wird, ist die deutschlandweit einzigartige Vielfalt der Berliner Musikwissenschaft, ihre singuläre Abdeckung aller Teildisziplinen von der Historischen, Systematischen und Vergleichenden Musikwissenschaft über die Musiksoziologie bis hin zur Popularmusikforschung.

"Vielen wird es vernünftig erscheinen, wenn der Studiengang Musikwissenschaft, der an allen drei Universitäten angeboten wird, an zwei Hochschulen eingestellt wird. Allerdings konnten die drei Institute je ihr eigenes charakteristisches Profil ausbilden. Dadurch entstand ein in Deutschland einzigartig vielfältiges Studienangebot. Durch das unüberlegte und unkluge Einstellen der Studienfächer an zwei Standorten gleichzeitig verliert die so genannte Weltstadt Berlin einen wichtigen Bestandteil ihrer Bildungslandschaft. Gerade für die Musikwissenschaft stellt Berlin aufgrund des außergewöhnlich umfangreichen Kulturangebots einen hervorragenden und in Deutschland einzigartigen Standort dar. Der Beschluss, an zwei Universitäten den Studiengang Musikwissenschaft einzustellen, zeigt auch, dass offenbar zwischen den einzelnen Universitäten kein oder nur ein sehr mäßiger Dialog stattfindet," so Matthias Lehmann weiter.

Die Teildisziplin Musikethnologie, die in ganz Deutschland ausschließlich an der Freien Universität gelehrt wird, verschwindet gänzlich. Der Musikethnologie-Professor Gert-Matthias Wegner wird dazu in einem Bericht der Berliner Morgenpost vom 22.12.2003 zitiert: "Wenn die Musik der Weltkulturen nicht mehr vorkommt, verliert Berlin ein Angebot, auf das keine Kulturmetropole weltweit verzichten würde."



©www.klassik-in-berlin.de