September 2006

Happy Birthday György

Das musikfest berlin06 ehrt Kurtág zum Achtzigsten

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Happy Birthday György

Das musikfest berlin06 ehrt Kurtág zum Achtzigsten

Von Werner Friedrich

György Kurtág

So ganz ging das Konzept nicht auf, das sich die Programmverantwortlichen des musikfestes berlin06 vorgestellt hatten: Der Glanz illustrer nationaler und internationaler Orchesternamen zog nicht im erwünschten Maße, mit Ausnahme der hauseigenen Berliner Philharmoniker, die in diesem Jahr Partner der Berliner Festspiele waren. Die Repräsentation fürs geputzte Parkett findet sicherlich nicht in Berlin statt – und das ist auch gut so, möchte man anfügen. So war es umgekehrt erfreulich und ein Ausweis für bewusste Entscheidungen des Berliner Publikums, dass die thematisch geprägten Veranstaltungen im Verhältnis dazu besser abschnitten. Insbesondere ist dabei natürlich die wichtige Präsentation der Musik György Kurtágs in sechs Konzerten zu erwähnen, der in diesem Jahr seinen 80. Geburtstag feierte. Die Vorgängerin des Musikfestes, die Festwochen Berlin, hatten 1988 ein legendäres Komponistenportrait mit Kurtág veranstaltet, so dass sich hier nunmehr eine sinnvolle Neuauflage anbot.

Die besondere Hommage gelang dabei am 14. September den Berliner Philharmonikern, die Kurtágs erstes großes Orchesterwerk Stele op.33, das sie einst unter Abbado uraufgeführt hatten, wieder aufführten. Rattle hatte dem dreisätzigen Werk, das wie fast alle Werke Kurtágs eine direkte oder indirekte Hommage an einen Menschen ist, der in Kurtágs Leben eine wichtige (künstlerische) Rolle spielte, eine größere Durchhörbarkeit verliehen. Es war deutlich zu spüren, dass Kurtágs Musik mit ihren ebenso gebrochenen wie direkten Bezügen zur musikalischen Tradition die Zuhörer unmittelbar berührte, ein Phänomen, das einem bei nur wenigen Komponisten der Gegenwart begegnet. Besonders geehrt war Kurtág, der sowohl in den Proben als auch im Konzert anwesend war, durch die Tatsache, dass Stele in Nachbarschaft zu Mahlers Sinfonie Nr. 2 c-Moll gespielt wurde, wodurch die Tradition, auf die sich Kurtág bezog, in all ihrem Schönklang gleichsam nachgereicht wurde. Der Niederländische Rundfunkchor bewährte sich einmal mehr in seiner langjährigen Mahler-Pflege, Soile Isokoski (Sopran) und Magdalena Kozená (Mezzosopran) ergänzten den vokalen Bereich auf berührende Weise.

Zoltán Kocsis

Die Vorarbeiten zu Kurtágs so seltenen Ausflügen in die Orchestermusik konnte man zwei Tage später mit der Ungarischen Nationalphilharmonie unter Zoltán Kocsis hören. Auf dem Programm standen dabei drei Werke, die für verteilte Instrumentengruppen geschrieben waren: Grabstein für Stephan op. 15c für Gitarre und Instrumentengruppen, ...quasi una fantasia op. 27/1 für Klavier und Instrumentengruppen sowie das Doppelkonzert op. 27/2 für Klavier, Cello und zwei Ensembles. Immer wieder fiel an der Musik die recht einfache musikalische Ausgangssituation auf, in Grabstein für Stephan etwa die Folge der leeren Saiten einer Gitarre, die dann peu à peu verändert wird und an Kontur und Tiefe gewinnt. Diese Musik, so schreibt der bedeutende Kurtág-Kenner Thomas Bösche, bringe „ein zentrales Motiv des gesamten Oeuvres des ungarischen Komponisten zum Ausdruck: das Andenken an die Toten in einer Welt des Gedächtnisverlustes und der Verdrängung.“ Ein weiterer historischer Bezug war durch den Kammermusiksaal selbst gegeben: Kurtág war einst von Luigi Nono, der sich in den 1980er Jahren länger in Berlin aufgehalten hatte, auf die Möglichkeiten der räumlichen Verteilung von Ensembles im Saal hingewiesen worden, was Kurtág schließlich veranlasste, für verteilte Instrumentengruppen zu schreiben.

Die Ungarische Nationalphilharmonie unter Kurtágs Schüler Zoltán Kocsis zeigte erstaunliche Schwächen. Der Komponist, dem es in künstlerischen Dingen immer um Tod oder Leben geht, was not amused, und wer wollte, konnte sehen, wie er dem Dirigenten in der Pause die Leviten las. Wesentlich entspannter schienen Kocsis und seine Musiker in der abschließenden Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta von Bartók, einem der zentralen Werke der ungarischen Orchesterliteratur, das übrigens tadellos gelang.