September 2005

Gebremster Aufbruch

Neue Musik im Musikfest Berlin 05

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Gebremster Aufbruch

Neue Musik im Musikfest Berlin 05

Von Werner Friedrich

Bescheiden ist das offizielle Kultur-Berlin geworden, seit es als Hauptstadt nunmehr etabliert ist, so bescheiden, dass der Intendant Joachim Sartorius die Trümmer der einstigen Musikanteile der Berliner Festwochen, verknappt auf vierzehn Programmtage, als neues Festival nicht nur verkaufen, sondern auch feiern kann. Nun, er hat so Unrecht nicht, wenn er (wohl auf Grund notorischer Finanzmängel) die Flucht nach vorne antritt; und doch blieb von dem Festival, das einst ganze versunkene Kulturwelten zu heben in der Lage war, nur wenig übrig. Oder sollte man vielleicht doch dankbar sein, dass nach der mutwilligen Vernichtung der "Musik der Gegenwart" aus dem vom Radio unterhaltenen Anteil der Neuen Musik zumindest das übrig blieb, was heute auch traditionelle Musikvereine in der Provinz anstreben, nämlich den alten, etablierten Werken auch mal ein neues gegenüberzustellen? Denn das war eines der gerade noch erkennbaren "Kompositionsprinzipien" des Festivals: die Konfrontation des Alten mit dem Neuen.

Freiburger Barockorchester

Nun gehört nicht viel staatlich subventionierter Mut dazu, philharmonische Orchester aus Prag, London oder gar New York, allesamt ohnehin auf Konzertreise, zu einem Zwischenstopp in Berlin zu bewegen, schon gar, wenn Sir Simon Rattle die Kontakte spinnt. Wir wollen vielmehr fragen, welches die Eigenleistung des neuen Musikfestivals war, und da fällt die Bilanz doch eher ernüchternd aus. Auf den sicherlich ambitioniertesten Einfall der Konfrontation zwischen Altem und Neuem war man nämlich gar nicht in Berlin gekommen, sondern im Siemens Arts Program in München, wo man Komponisten eingeladen hatte, für das Freiburger Barockorchester neue Werke zu schreiben. "About Baroque" hieß der mehrdeutige Titel des Programms vom 5. September im Kammermusiksaal der Philharmonie, und das Ensemble zeigte sich mehr als engagiert beim Umsetzen der neuen Partituren.

Dass sich schließlich nur zwei der fünf eingeladenen Komponisten - Nadis Vanessa in Bagatelli trascendentali und Michel van der Aa in Imprint - auch musikalisch mit dem Barocken einließen und ihre Erfahrungen mit diesem musikalisch umsetzten, während Rebecca Saunders, Juliane Klein und Benjamin Schweitzer mehr in ihren gewohnten Bahnen verblieben, dieses Risiko musste man eingehen. Dennoch war der Abend durch die überragende Musikalität des Ensembles gelungen und man vermerkte auch dankbar, dass der Dampfplauderer Wilhelm Matejka diesmal nicht in Erscheinung trat.

Chamber Orchestra Europe

Eine Wiederbegegnung mit dem Chamber Orchestra of Europe brachte das Konzert im Kammermusiksaal am 4. September. Doch nicht nur das Ensemble sorgte für einen fast vollen Saal, auch der Dirigent und Komponist eines erstmals erklingenden Violinkonzerts, Thomas Adès, erwies sich als wahrer Publikumsmagnet. Trotz seiner etwas linkischen und nicht sehr differenzierten Dirigierbewegungen, zeigte sich das Ensemble in glänzender Verfassung, wohl auch, weil ihm das Programm regelrecht auf den Leib geschnitten schien. Beethovens Ouvertüre zur Namensfeier und die Symphonie Nr. 4 waren die Ecksteine, dazwischen erklang die zartvergiftete Musik der Pulcinella-Suite von Strawinsky und, im Zentrum, Adès' Violinkonzert Concentric Paths mit dem Solisten Anthony Marwood. Auch dieses wurde vom Publikum sehr warm empfangen, obwohl man eigentlich nicht den Eindruck hatte, dass es sich um ein veritables Konzert handelte. Vielmehr hatte man den Eindruck einer obligaten Violinstimme, die immer durch ihre meist in hohen Lagen gespielte Farbe anwesend war, ohne sich musikalisch wirklich in den Vordergrund zu drängen (der weiße Anzug Anthony Marwoods war somit wirklich reiner Showeffekt). Die Musik Adès' selbst blieb charakterlich wenig ausgeprägt, ein spürbarer, stetiger Puls hielt die etwas verwaschene klangliche Oberfläche zusammen, gefällig, leider nicht mehr.

Kristóf Baráti

Eine Begegnung von Barockmusik, klassischer Moderne und Neuer Musik brachte das Konzert am 7. September im Kammermusiksaal. Was so schön ausgedacht war, geriet zum Erlebnis der peinsameren Art. Geneviève Strosser, die die höchst anspruchsvolle Sonate für Viola solo von Bernd Alois Zimmermann und György Kurtágs etwa zehn Jahre alte Jelek zu Gehör brachte, war von dem unruhigen Publikum derart verunsichert, dass sie sich nur mit Mühe über die Mühen retten konnte; die künstlerische Gestaltung kam dabei zu kurz. Außerdem war der Saal für solche Musik akustisch viel zu groß. Man sollte hier wirklich differenzieren und mit solch delikater Musik auch in einen kleineren Saal gehen, dann erspart man sich auch das massenweise Verschenken von Karten an Zuhörer, die solcher Musik nicht gewachsen sind und die dann vom Veranstalter vergebens zur Ruhe ermahnt werden müssen. Andrew Manze, der Werke von Heinrich Ignaz Franz Biber interpretierte, fand ebenfalls nicht die notwendige Versenkung, um die Musik wirklich lebendig zu machen. Höhepunkt des Abends blieb daher die Wiedergabe von Bartóks fulminanter Sonate für Violine solo aus dem Jahr 1944 durch den jungen, aus Budapest stammenden Kristóf Baráti. Ob all der Virtuosität und Musikalität, mit der Baráti eines der Schlüsselwerke der Literatur für Solostreicher kongenial umsetzte, blieben auch die unruhigsten jugendlichen Störer restlos gebannt.

Sylvain Cambreling

Unter den großen Symphoniekonzerten schien uns das des SWR-Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg unter Sylvain Cambreling wirklich von Interesse. Hanspeter Kyburz' erst drei Jahre altes Orchesterwerk Noesis gehört nicht nur zu den besten Werken des 1960 geborenen Komponisten, der an der Hanns Eisler Hochschule unterrichtet, sondern zu den Meisterwerken der neueren Orchesterliteratur. Es ist nur konsequent, dass das Stück bereits internationale Aufmerksamkeit erregt hat und im nächsten Jahr mit den Berliner Philharmonikern seine New Yorker Premiere feiern wird. Die Verschmelzung von Konstruktivität und großorchestraler Klangpracht ist hier derart an die Spitze getrieben, wie man es kaum für möglich gehalten hat. Henri Dutilleux' L'arbre des songes danach fiel trotz der guten solistischen Leistung des Geigers Dmitri Sitkovetsky in seiner Süßlichkeit erheblich ab. In Weberns Hildegard-Jone-Vertonungen Das Augenlicht op. 26 für gemischten Chor und Orchester und der 2. Kantate für Sopran- und Bass-Solo, gemischten Chor und Orchester konnte man bei guter Chorleistung (SWR Vokalensemble Stuttgart) und schwächerer Gesangsleistung (Melanie Walz, Sopran, Otto Katzameier, Bariton) wieder aufatmen. Begeisternd der Schluss: Leoš Janáčeks Sinfonietta aus dem Jahr 1925 stellt nicht nur in der Musikgeschichte einen ganz eigenen Weg vor, sondern erscheint musikalisch frisch wie am ersten Tag, zumal Sylvain Cambreling sich ins Zeug legte wie ein Big-Band-Leader und die Blechbläser ihn in dieser Auffassung auch nicht gerade Lügen straften.



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