Von Milch und Honig bis Stars N' Stripes

Ein (Dutzend) Amerikaner in Berlin - das Musikfest 2012

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Von Milch und Honig bis Stars N' Stripes

Ein (Dutzend) Amerikaner in Berlin - das Musikfest 2012

von Heiko Schon
Fotos: Marco Borggreve, Anja Frers, Lambert Orkisl, Felix Broede

2. September 2012 - Philharmonie

Programm
Arnold Schönberg
Moses und Aron

Mitwirkende
SWR Sinfonieorchester
Dirigent: Sylvain Cambreling
Assistenz und Leitung Bühnenmusik: Peter Tilling
Europachorakademie
Einstudierung: Joshard Daus, Sylvain Cambreling


musikfest berlin 2012
Sylvain Cambreling
Foto: Marco Borggreve

Tag 3: Arnold Schönberg, der jüdisch-wienerische Komponist, hatte die ersten beiden Akte von Moses und Aron fertig in der Schublade, als er 1933 vor den Nazis fliehen musste. Schönberg emigrierte in die Vereinigten Staaten, nahm später sogar die amerikanische Staatsbürgerschaft an - und schrieb sich fortan Schoenberg. Nun sollte die Oper im Exil vollendet werden, doch Schönberg brachte für den 3. Akt lediglich den Text und ein paar musikalische Einfälle zu Papier. Moses und Aron blieb also ein Opernfragment, "ein vollendetes", so Pierre Boulez. Sylvain Cambreling ist genau der richtige Navigator durch diese hochkomplexe Partitur. Unter seinem Dirigat spielt das SWR Sinfonieorchester einen scharfsinnigen, farbsatten und so überaus klangprallen Schönberg auf. Was für eine vorbildliche Ausgewogenheit zwischen sinnlicher Emotion und transparentem Aufbau, zwischen breiter Energie und feiner Eleganz. Von so viel Sensibilität profitiert vor allem ein Sänger: Andreas Conrad, eher lyrischer Tenor statt Trompetenheld, meistert mit hervorragender Technik die heikle Partie des Aron. Franz Grundheber spricht den Moses mit akkurater Artikulation, gebieterischem Tonfall - einschließlich rollendem R - und einer leichten Neigung zum Singsang. Die übrige Besetzung ist souverän, die Europachorakademie schlägt sich mit Bravour. Stehende Ovationen.

9. September 2012 - Philharmonie

Programm
George Gershwin Cuban Overture
Charles Ives Symphonie Nr. 4
George Antheil
A Jazz Symphony
Leonard Bernstein Symphonische Tänze aus West Side Story

Mitwirkende
Berliner Philharmoniker
Ingo Metzmacher - Dirigent
Ernst Senff Chor Berlin (Steffen Schubert)
Pierre-Laurent Aimard - Klavier


musikfest berlin 2012
Ingo Metzmacher
Foto: Anja Frers

Tag 10: Beim Hören der Cuban Ouverture geht die Fantasie mit mir durch. Ich sehe Ingo Metzmacher wie er in einem alten Schlitten - Cabriolet, was sonst - auf einer Küstenstraße entlang saust. Aus dem Radio tönt karibisches Chaka-Chaka, dazu fliegen die Haare des Maestros im Wind. Nicht ein einziges Mal geht Metzmachers Blick in den Rückspiegel, auch musikalisch, versteht sich. Leider erreicht der Abend an dieser Stelle bereits seinen Höhepunkt, denn die Jazz-Sinfonie von George Antheil vermag genau so wenig zu begeistern, wie die symphonischen Tänze aus der West Side Story. Unter Metzmacher spielen die Berliner Philharmoniker nämlich so laut, dass es immer wieder rummst und poltert. Dieser Bernstein hat mit Broadway jedenfalls nichts mehr am Hut. Der Starpianist Pierre-Laurent Aimand hat das Pech (oder vielmehr wir), dass er ausrechnet mit einem so sperrigen Stück wie die 4. Sinfonie von Charles Ives konzertieren muss. Im Programmheft steht, dass Lenny Bernstein die Komposition nicht besonders schätzte. Der Rezensent nickt, als er das liest.

10. September 2012 - Philharmonie

Programm
John Adams
Nixon in China

Mitwirkende
BBC Symphony Orchestra
Dirigent: John Adams
Assistent des Dirigenten: Murray Hipkin
Klangregie: Mark Grey
Inszenierung: Paul Curran
BBC Singers
Einstudierung: Matthew Morley

Richard Nixon: Robert Orth
Pat Nixon: Jessica Rivera
Chou En-lai: Gerald Finley
Mao Tse-tung: Alan Oke
Henry Kissinger: James Rutherford
Chiang Ch'ing: Kathleen Kim
Nancy T'sang: Stephanie Marshall
2. Sekretärin Maos: Louise Poole
3. Sekretärin Maos: Susan Platts


musikfest berlin 2012
John Adams
Foto: Lambert Orkisl

Tag 11: Also das verstehe wer will. Da hat der Berliner Opernfan die Möglichkeit, ein Werk kennen zu lernen, welches vom Komponisten höchstpersönlich dirigiert wird, und er kann Sänger hören, die sonst nie den Weg über den großen Teich finden. Und was macht er? Glänzt durch Abwesenheit. Die Reihen hinter dem Podium bleiben allesamt leer, doch die, die gekommen sind, werden von dieser Berliner Erstaufführung nicht enttäuscht. Die Musik kann man vielleicht am besten so beschreiben: Philip Glass, guter Philip Glass, kultiviert mit der vorantreibenden Kraft eines Leoš Janáček, garniert mit viel Ironie sowie einigen Zitaten und Zutaten aus der Spätromantik (Mahler, Wagner). Das wird dieser Partitur natürlich nicht ganz gerecht, hat Adams mit Nixon in China doch etwas völlig Eigenständiges und ganz Wundervolles geschaffen. Da scheren immer wieder einige Instrumente aus dem Fluss, jazzt und swingt es munter drauf los. Ob Robert Orth, Jessica Rivera, die sinnliche Koloraturfee Kathleen Kim oder der grandiose Bariton Gerald Finley: Was für Stimmen! Was für Charaktere! Dazu gibt es eine Licht- und Chorregie, geht es weit über einen halbszenischen Abend hinaus, ziehen die vier Stunden wie im Flug vorüber. In der Philharmonie ist man sich anschließend einig: Vote for Adams!

13. September 2012 - Philharmonie

Programm
Hans Werner Henze Sinfonia N. 6
Sergej Rachmaninow Konzert für Klavier und Orchester Nr. 3

Mitwirkende
Rundfunk-Sinfonieorchester
Dirigent: Marek Janowski
Klavier: Nikolai Lugansky


musikfest berlin 2012
Marek Janowski
Foto: Felix Broede

Tag 14: Es ist eines dieser typischen Konzertprogramme, in denen die Ränge im zweiten Teil gefüllter aussehen als im ersten. Marek Janowski und sein Rundfunk-Sinfonieorchester starten mit der Pflicht, erst danach kommt mit Rachmaninows "Konzert für Elefanten" die Kür. Diese aber entschädigt allein schon mit dem 3. Satz. Nikolai Lugansky wirft sich mit solcher Kühnheit in die Siegeshymne, dass einem die Tränen in die Augen schießen. Es ist einer dieser Momente, in denen man in Gegenwart des Künstlers und seiner Fertigkeiten zu einem klitzekleinen, völlig unbedeutenden Kritikerwürmchen schrumpft. Doch, das kann an dieser Stelle gerne mal zugegeben werden. Dieser Rachmaninow packt den Zuhörer am Schlafittchen, überrumpelt ihn, versetzt ihn mit seinen Fanfarenstößen und Klangtollheiten in Ekstase. Davor will uns Hans Werner Henze erneut ins kommunistische Kuba entführen. Man könnte sich für seine Sinfonia N. 6 auch gut den Untertitel "Das Klytämnestra-Kettensägenmassaker" vorstellen. Scheußliche Musik, aber brillant gespielt.

14. September 2012 - Philharmonie

Programm
The Gershwins'®
Porgy and Bess

Mitwirkende
Berliner Philharmoniker
Simon Rattle - Dirigent
Cape Town Opera Voice of the Nation Chorus
Einstudierung: Albert Horne

Porgy: Willard White
Bess: Latonia Moore
Sporting Life: Howard Haskin
Crown: Lester Lynch
Jake: Rodney Clark
Clara: Angel Blue
Robbins: John Fulton
Serena: Andrea Baker
Maria: Tichina Vaughn
Jim: Michael Redding


musikfest berlin 2012
Cape Town Opera Voice of the Nation Chorus
Foto: www.capetownopera.co.za

Tag 15: Um die Atmosphäre zu schildern, die bei Porgy and Bess herrscht, muss eine Metapher her: Stellen Sie sich mal vor, in Ihrem Wohnzimmer steht plötzlich eine bunte Kuh! Natürlich ist man begeistert, irgendwie. Aber wie reagieren? Das Wohnzimmer ist folglich die Philharmonie (das war es für mich die letzten Tage tatsächlich) und die bunte Kuh ist der Cape Town Opera Voice of the Nation Chorus. Denn wer, bitteschön, sagt denn, dass mit Beweglichkeit allein die Stimme gemeint ist? Diese Akteure machen mit dem ganzen Körper Musik, auch weil sie's - dank Feuer im Blut - einfach zustande bringen. Und das Publikum? Das kann gar nicht anders, und jubelt notfalls mitten in den Gershwin rein. Wie überhaupt mit einigen ungeschriebenen Konzertregeln gebrochen wird: Das Podium wird zur Theaterfläche, Sänger werden zu Spielern, manche gar zu Akrobaten. Drumherum macht sich Entzückung breit: Die Berliner lachen über eine aufmüpfige Maria (Tichina Vaughn), halten einander verliebt die Händchen, spenden immer wieder Beifall, sogar hinaus bis auf die Straße, wo sie auf einige der Chormitglieder treffen. Simon Rattle hat ein Sängerensemble zusammengetrommelt, das den Berliner Philharmonikern doch glatt die Show stiehlt. Was für ein Abend!



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