Celebrations

Von Mahler bis Rihm - das Musikfest 2011

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Celebrations

Von Mahler bis Rihm - das Musikfest 2011

von Heiko Schon
Fotos: Marco Borggreve, Kai Bienert

11. September 2011 - Philharmonie

Programm
Hans Pfitzner Vorspiel zum zweiten Akt aus der Oper Palestrina
Heinrich Kaminski Dorische Musik
Wolfgang Rihm Marsyas
Richard Strauss Suite aus der Oper Der Rosenkavalier

Mitwirkende
Berliner Philharmoniker
Andris Nelsons - Dirigent
Gábor Tarkövi - Trompete
Jan Schlichte - Schlagzeug


musikfest berlin 2011
Andris Nelsons
Foto: Marco Borggreve

Tag 10, 11 Uhr: Der Mann ist einfach unglaublich. UN-GLAUB-LICH. Andris Nelsons hat nicht nur zu jeder Musik etwas zu sagen, nein, jeder einzelne Takt wird von dem Letten mit Leben erfüllt, mit Ausdruck, Leidenschaft, Vitalität. Er will's wirklich wissen - jedes Mal aufs Neue. Der Start mit Palestrina: Nelsons pellt das Vorspiel zum zweiten Akt aus seiner glatten Schale und denunziert Pfitzner als schwarzseherischen Grobian. Dann der Kaminski: Was für eine todtraurige und doch so pulsierende Musik. Solo-Violine (Andreas Buschatz), Solo-Viola (Amihai Grosz) und Solo-Violoncello (Ludwig Quandt) vereinen sich zu drei Musketieren, sie greifen wie Zahnrädchen ineinander. Nelsons werkelt wieder an schönsten Einzelheiten, arbeitet die Anklänge an Bach, Beethoven und Bruckner klar heraus - und dennoch klingt Kaminskis Dorische Musik moderner. Nicht so eintönig wie Bach und deutlich entschlackter als Bruckner - eine echte Entdeckung! Rihm hat sich in dieses Programm wohl eher verirrt, aber sein temperamentvoll-grooviger, mit tänzelnden Jazz-Elementen aufgemotzter Marsyas lässt alle Köpfe im Saal mitwippen - cool! Das Beste kommt zum Schluss? Jawoll, Rosenkavalier! Beispiel Marie Theres': Nelsons dirigiert in großen Bögen, tritt aufs Gas, dann lässt er innehalten, um auf die plötzlich einkehrende Stille ein klitzekleines Leuchten zu setzen. Kein Zucker, sondern Lebenslust, auch Melancholie, aber wie. Und weil Nelsons Eifer ansteckt, er etwas wagt, wage auch ich, nämlich zu behaupten: Seit Carlos Kleiber habe ich keinen so herrlichen Rosenkavalier mehr gehört.

11. September 2011 - Philharmonie

Programm
Richard Wagner Vorspiel zum ersten Akt aus der Oper Lohengrin
Wolfgang Rihm Gesungene Zeit
Gustav Mahler Symphonie Nr. 5

Mitwirkende
Pittsburgh Symphony Orchestra
Manfred Honeck - Dirigent
Anne-Sophie Mutter - Violine


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Manfred Honeck, Anne-Sophie Mutter, Pittsburgh Symphony Orchestra
Foto: Kai Bienert

Tag 10, 20 Uhr: Es ist ein Klischee, dass amerikanische Orchester für alteuropäische Ohren immer dann zu glatt gebügelt klingen, wenn sie alteuropäische Komponisten spielen. Doch wie wird ein Klischee zum Klischee? Etwas Wahres ist halt doch immer dran. Beim Vorspiel zum ersten Lohengrin-Akt ist festzustellen: Wagner hat mehr zu bieten als nur Traumfabrik. Danach spielt Anne-Sophie Mutter zu Rihms Gesungener Zeit höchst virtuos auf ihrem Instrument, aber die Zugabe (Bach) stösst dann doch eher auf Zustimmung. Mahlers Fünfte ist problematisch. Erstens braucht diese Sinfonie Raum. Raum zur Entfaltung, Raum zum Atmen. Die zweite harte Nuss ist das Adagietto, welches zwar himmlisch ist, aber immer etwas von einem Alien hat, das sich irgendwie in diese Partitur verirrt hat. Aber Dirigent Manfred Honeck will dafür keine Erklärung finden, schön soll's klingen. Die übrigen Abteilungen spielt das Pittsburgh Orchestra nicht nur recht fix, sondern auch laut, oberflächlich und mit dick aufgetragenem Pomp nach dem Motto: "Life in plastic, it's fantastic!" Schade drum.

15. September 2011 - Philharmonie

Programm
Antonio Lotti Crucifixus
Thomas Tallis Spem in alium nunquam habui
Gustav Mahler Symphonie Nr. 8

Mitwirkende
Berliner Philharmoniker
Sir Simon Rattle - Dirigent
Rundfunkchor Berlin (James Wood)
MDR Rundfunkchor Leipzig (Howard Arman)
Knaben des Staats- und Domchors Berlin (Kai-Uwe Jirka)
Erika Sunnegårdh, Susan Bullock, Anna Prohaska - Sopran
Lilli Paasikivi - Mezzosopran
Natalie Stutzmann - Alt
Johan Bohta - Tenor
David Wilson-Johnson - Bariton
John Relyea - Bass-Bariton


musikfest berlin 2011
Berliner Philharmoniker, Simon Rattle, Rundfunkchor Berlin, MDR Rundfunkchor Leipzig, Knaben des Staats-
und Domchors Berlin, Erika Sunnegårdh, Susan Bullock, Anna Prohaska, Lilli Paasikivi, Natalie Stutzmann,
Johan Bohta, David Wilson, John Relyea
Foto: Kai Bienert

Tag 14, 20 Uhr: Es ist ein Abend der Chöre. Aber sowohl das achtstimmige Crucifixus als auch die Motette für acht fünfstimmige Chöre (beides a cappella) sind lediglich das (durchaus gelungene) amuse-bouche vor dem Hauptgang, Mahlers Achte. Man kennt das Werk als Sinfonie der Tausend, eine Bezeichnung, die nicht auf Mahlers Mist gewachsen ist, sondern vom Münchner Konzertagenten Emil Gutmann stammt. Heute tut man sich nicht nur mit dem Namen schwer, auch an diesem überkandidelten Aufbau mit seinen Elementen aus Oratorium und Musikdrama scheiden sich die Geister. Sofort fällt einem Adorno ein, der frotzelte, diese Sinfonie sei eine "symbolische Riesenschwarte". Stand (und steht) bei Simon Rattle auch noch so oft Mahler auf dem Programm: Um die Achte hatte der Chefdirigent stets einen großen Bogen gemacht. Jetzt war's soweit. Der gewaltige Orchesterapparat und die drei Chöre werden von Rattle am Laufen und gut zusammen gehalten - Koordination, Präzision: wunderbar, läuft wie am Schnürchen. Aber laut ist es, vielleicht zu laut. Da scheppert's mal im Blech, steht der ein oder andere Vokalsolist im Klang-Tsunami auf verlorenem Posten. Bezaubernd dagegen das Schlagwerk (Glocken, Celesta) und vor allem die Chöre.



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