Die Pultzauberer bitten zum Tanz

Stationen zwischen Berio, Boulez und Strawinsky - das Musikfest 2010

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Die Pultzauberer bitten zum Tanz

Stationen zwischen Berio, Boulez und Strawinsky - das Musikfest 2010

von Heiko Schon
Fotos: BR, Mike Froehling, Monika Rittershaus, Kai Bienert, Henry Fair, Chris Lee

05.09.2010 - Philharmonie

Programm
Igor Strawinsky
Symphonies d'instruments à vent
Béla Bartók
Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta
Luciano Berio Quatre dédicaces
Igor Strawinsky Der Feuervogel

Mitwirkende
Koninklijk Concertgebouworkest Amsterdam
Mariss Jansons - Dirigent


musikfest berlin 2010
Mariss Janson
Foto: BR

Tag 4: Wer ohne Begleitung in ein Konzert geht und danach in einer euphorisiert-aufgekratzten Stimmung nach Hause kommt, kann vom Gegenüber meist nicht viel mehr als ein gleichgültiges Soso! verlangen. Besser man setzt sich allein ins eigene Kämmerlein und freut sich still seines Glückes. Nun ist es mit Superlativen so eine Sache. Die einen haben sie schnell bei der Hand (PR-Strategen), die anderen scheuen sie wie der Teufel das Weihwasser (Feuilletonisten). Aber jetzt muss das hier mal gesagt werden: Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt einem so grandiosen Konzert beiwohnen durfte. Dabei hört es sich zu Anfang gar nicht danach an. Ein etwas sperriger Strawinsky wird begrüßt und blitzschnell durchgewinkt, doch schon bei Bartóks Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta schimmert ein perlmuttfarbener Glanz durch den an sich dunklen Grundton des Stücks. Das Koninklijk Concertgebouworkest spielt makellos und dennoch ausdrucksstark: Mal kratzt leise das Blech, mal beißen die Streicher, und dann erklingen wieder Figuren, schlank und zerbrechlich, wie hingehaucht. Nicht nur der Feuervogel schwingt sich empor: Wie Mariss Jansons dieses Stück dirigiert ist einfach atem-be-rau-bend. Da huscht zum Ansporn mal ein flüchtiges Lächeln übers Gesicht, werden anschaulich Takte geschlagen und Gefühle modelliert, der Augenblick zelebriert. Ich muss um meine Fassung ringen, Mr. Jansons. WOW!

09.09.2010 - Philharmonie

Programm
Luciano Berio Voci
Igor Strawinsky Agon
Richard Strauss Der Bürger als Edelmann

Mitwirkende
Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin
Marek Janowski - Dirigent
Antoine Tamestit - Viola


musikfest berlin 2010
Marek Janowski
Foto: Mike Froehling

Tag 8: Nicht jeder Konzertbesucher mag es, Neues zu entdecken. Bevor da ein Billett für "Kenn ich nich" gelöst wird, hört man sich lieber zum zigmalsten die Neunte Beethovens an. Da weiß man, was man hat. Ich aber bin ein unheimlich neugieriger Mensch - auch wenn diese Neugier schon schmerzhafter Ernüchterung weichen musste. Das kommt selten vor, aber es kommt vor. Gut wenn man damit nicht allein ist. Wolfgang Körner schreibt nämlich in seinem einzig wahren Opernführer über Ariadne auf Naxos, dass es Richard Strauss nicht vermochte, auch nur eine einzige Note wegzuwerfen. Nachdem die erste Fassung durchfiel, machte er aus der Musik, die er für die zweite nicht mehr benötigte, eine Orchestersuite. Die könne man häufig als Tanzpantomime hören, was den Vorteil hätte, dass keiner zur Musik singen würde. Und doch entpuppt sich gerade dieser Opus 60 (Der Bürger als Edelmann) als die kleine Kür nach einem üppigen Pflichtprogramm. Da saust der Bogen des Konzertmeisters herrlich spitz über die Saiten, knippst der Cellist in seinem Soli zur Feier die Kerzen an, ist auch Marek Janowski so in seinem Element, dass es eine wahre Freude ist. Zum Anfang: Zwar sind in Voci zwei, drei hübsche Sprenkel enthalten, agiert Antoine Tamestit überaus virtuos auf seiner Viola, doch erfüllt die fragmentarische Musik Berios sonst alle typischen Klischees zeitgenössischer Klassik. Auch Agon gilt nicht umsonst eher als Stiefmütterchen unter den Strawinsky-Balletten. Was die Ohren jedenfalls hören, gefällt ihnen nicht. Und ich stelle mir die Frage: Konnten auch Berio und Strawinsky nichts wegwerfen?

10.09.2010 - Philharmonie

Programm
Luciano Berio
Coro für 40 Stimmen und 44 Instrumente
Igor Strawinsky Pulcinella

Mitwirkende
Berliner Philharmoniker
Sir Simon Rattle - Dirigent
Rundfunkchor Berlin
James Wood - Choreinstudierung
Stella Doufexis - Mezzosopran
Burkhard Ulrich - Tenor
Ildebrando D'Arcangelo - Bass


musikfest berlin 2010
Berliner Philharmoniker, Simon Rattle
Foto: Monika Rittershaus

Tag 9: Weniger ist manchmal mehr. Das wusste auch Igor Strawinsky, der an frühe Werke gern noch einmal Hand anlegte und das ein oder andere Ballett auf eine deutlich knappere Orchesterversion eindampfte. Davon profitiert auch das kleinere Pulcinella-Küken von 1965, welches deutlich akzent- und kontrastreicher daher kommt als die verschwenderische Urfassung von 1920. Sir Simon Rattle hält die Berliner Philharmoniker an der kurzen Leine - und tut gut daran. Fort mit dem Zuckerguss und dem barocken Schwulst, hin zu technischer Präzision, entschlackter Rhythmik und ungebremster Spielfreude. Stella Doufexis versteht das Kunststück, den Sopran-Part mit reichlich geschmackvollen Verzierungen zu versehen und trotzdem nicht ins Manierierte zu kippen, Ildebrando D'Arcangelo hat leider nicht viel zu tun, aber das, was er singt, trägt er wie ein junger Gott vor, und Burkhard Ulrich macht seine Sache auch nicht gerade übel, kommt aber in puncto Timbre nicht ganz an seine schönstimmigen Kollegen heran.
Ein Zugang zum Śuvre Luciano Berios hat sich bei mir indes immer noch nicht eingestellt. Daran ändert auch sein Coro für 40 Stimmen und 44 Instrumente nichts. Mögen die Philharmoniker unter einem energiegeladenen Sir Simon auch noch so unerschrocken aufspielen und der Berliner Rundfunkchor alle Register seines Könnens ziehen (vor allem die Damen): Coro ist für mich effektvoll arrangierter, ethnischer Kitsch. Da trifft in den Texten Pablo Neruda auf das Alte Testament, geht es mal um (venezianische) Liebe oder (kroatische) Arbeit, kommt ein Indianer - nun ja - mit Indianer-Lauten daher. Ein szenischer Rahmen, ein roter Faden, würde dieser Collage vielleicht mehr Halt geben als die rein konzertante Form. Und auch die Verschränkung von Chor und Orchester, sprich, die räumliche Verschmelzung beider Apparate, ist akustisch nicht ganz unproblematisch (Textverständlichkeit).

14.09.2010 - Philharmonie

Programm
Luciano Berio
Concerto für 2 Klaviere und Orchester
Richard Strauss Metamorphosen
Igor Strawinsky Petruschka

Mitwirkende
Bayerisches Staatsorchester
Kent Nagano - Dirigent
Andreas Grau, Götz Schumacher - Klavier


musikfest berlin 2010
Bayerisches Staatsorchester, Kent Nagano, Klavierduo Grau/Schumacher
Foto: Kai Bienert

Tag 13: München leckt noch immer seine Wunden: Thielemann geht, Nagano geht. Ans Pult der Münchner Philharmoniker wird 2012 der dann 82-jährige Lorin Maazel als frisch gebackener Chefdirigent treten. Wer (spätestens) ab 2013 neuer Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper wird, steht derzeit noch immer in den Sternen (die Namen Andris Nelsons und Kirill Petrenko geistern aber hartnäckig durch Nikolaus Bachlers Flure). Es wird also das erste und zugleich letzte Mal sein, dass Nagano mit dem Bayerischen Staatsorchester in Berlin zu Gast ist. Noch unnahbarer, distanzierter als sonst (man könnte bald sagen: gelangweilt) schnellt Nagano Richtung Podium - und leistet Dienst nach Vorschrift. "Strauss", "Später Strauss" und "Später als Strauss" beherrscht Nagano aus dem Effeff. Der Autopilot funktioniert, Überraschung ausgeschlossen. Die zügig, aber graumäusrig interpretierten Metamorphosen verlagern das nasskalte Hauptstadtwetter ganz wunderbar von draußen nach drinnen. Und mögen bei Petruschka einzelne Passagen noch so imponieren, Querflöte und Fagott für die hohe Qualität der Holzbläser stehen: ein mitreißender Konzertabend hört sich anders an. Dafür gefällt der Berio. In Concerto spielen sich Andreas Grau und Götz Schumacher gekonnt die Bälle zu, beeindruckt die technische Brillanz des Bayerischen Staatsorchesters, greifen die fragmentarischen Musikkleckse wie Zahnräder ineinander. Cool! Genauso cool wie Kent Nagano.

15.09.2010 - Philharmonie

Programm
Béla Bartók Divertimento für Streichorchester
Pierre Boulez Figures - Doubles - Prismes
Maurice Ravel Daphnis et Chloé

Mitwirkende
Deutsches Symphonie-Orchester Berlin
David Robertson - Dirgent
Cantus Domus
Ralf Sochaczewsky - Einstudierung
Ensemberlino Vocale
Matthias Stoffels - Einstudierung


musikfest berlin 2010
David Robertson
Foto: Henry Fair

Tag 14: Was ist denn das? Auf der linken Seite des Podiums steht ein zum Warnschild umfunktionierter Notenständer. ist ein eindringlicher Hinweis, doch bitte die kleinen Stufen, rechts, für den Abgang zu verwenden. Wahrscheinlich hat es schon unangenehme Landungen gegeben. Für David Robertson - von der Motorik her der Typ "Flitzebogen" - mag das durchaus sinnvoll sein. Der Blickwinkel meines Platzes lässt aber noch eine ganz andere Möglichkeit zu. Da zeigt direkt aufs Orchester. Und das passt an diesem Abend - verzeihen Sie bitte die saloppe Ausdrucksweise - wie Arsch auf Eimer! Bei Bartóks Divertimento für Streichorchester vermitteln die zweiten Violinen durch ihr unterschwelliges Auf- und Abschwirren ein Gefühl von Suspense (2. Satz), schickt uns Konzertmeister Bernhard Hartog mit seiner Geige direkt in die Puszta (3. Satz), nimmt David Robertson mit seinem Zugriff "Divertimento" (Vergnügen) beim Wort. Danach lässt es Boulez klingeln, kringeln und donnern: Das Deutsche Symphonie Orchester Berlin erteilt eine erstklassige Lehrstunde in seriellem Radau. Mit einem Bumm ist plötzlich Schluss - und das etwas ratlos dreinblickende Publikum wird in die Pause geschickt. Dann der Ravel. Bleiben auch klitzekleine, inhomogene Schludrigkeiten bei Cantus Domus und ensemberlino vocale nicht aus: Mit dem Tanz um Daphnis und Chloé landet der Abend endgültig in überirdischen Gefilden. Volltreffer!

17.09.2010 - Philharmonie

Programm
Pierre Boulez … explosante-fixe …
Igor Strawinsky Le Rossignol

Mitwirkende
Berliner Philharmoniker
Pierre Boulez - Dirigent
Rundfunkchor Berlin
Simon Halsey - Einstudierung
Barbara Hannigan - Sopran
Stephanie Weiss - Mezzosopran
Julia Faylenbogen - Alt
Edgaras Montvidas - Tenor
Roman Trekel - Bariton
Georg Zeppenfeld - Bass
Peter Rose - Bass
Jan Remmers - Tenor
Wolfram Tessmer - Bass
Emmanuel Pahud - Flöte, MIDI-Flöte
Marion Ralincourt - Flöte
Sophie Cherrier - Flöte
IRCAM Paris - Klangregie


musikfest berlin 2010
Pierre Boulez
Foto: Kai Bienert

Tag 16: Das lässt sich Pierre Boulez nicht nehmen. Als 17-Jähriger hört er Strawinskys Le Chant du rossignol, ist verblüfft über "diese Mischung aus Überraschtsein, Befremdetsein und Angezogensein" und verliebt sich unsterblich in diese Musik. 1991 spielt Boulez mit dem BBC Symphony Orchestra die gesamte Oper ein, später legt er - dann mit dem Cleveland Orchestra - die symphonische Dichtung (die auf dem zweiten und dritten Akt der Oper basiert) nach. Beide Aufnahmen gelten jeweils als Referenz. Mag Boulez mittlerweile auch die 85 überschritten haben: diese Liebe hält bis heute an. Unter seinem Dirigat sind die Berliner Philharmoniker unumstrittener Star des Abends: Sie strahlen bis in den hintersten Winkel dieser verführerisch-undurchsichtigen Partitur - kongeniale Technik inklusive. Barbara Hannigans Nachtigall schwebt sicher in stratosphärischer Höhe und es mangelt ihrem Gesang weder an stupender Koloratur noch an Charme. Doch an die farbliche Vielfalt einer Natalie Dessay, an die Leuchtkraft einer Phyllis Bryn-Julson reicht ihr Sopran nicht ganz heran. Der für Ian Bostridge eingesprungene Edgaras Montvidas arbeitet mit zu viel Nachdruck, so dass sein Fischer mehr angestrengt als lyrisch klingt. Auch den Kaiser von China kann man sich schönstimmiger vorstellen: Roman Trekel schleift seine Töne immer wieder von unten an, singt zu vibratolastig. Dagegen gefallen ein stattlicher Georg Zeppenfeld, ein viel zu unterforderter Peter Rose und erst recht eine nachtdunkel timbrierte Julia Faylenbogen. Vergleicht man diese Nachtigall mit dem im ersten Teil dargebotenen, erst vor 17 Jahren uraufgeführten … explosante-fixe … ist festzustellen: Das Werk von Boulez hört sich schon heute auf eine merkwürdige Weise altmodisch an.

20.09.2010 - Philharmonie

Programm
Pierre Boulez
Dérive 1
Dérive 2
Notations I-IV, VII für Klavier
Notations I-IV, VII für Orchester

Mitwirkende
Staatskapelle Berlin
Daniel Barenboim - Dirigent, Klavier


musikfest berlin 2010
Staatskapelle Berlin, Daniel Barenboim
Foto: Chris Lee

Tag 19: Für ein Programm mit ausschließlich Neuer Musik ist die Philharmonie recht gut gefüllt. Auch ein paar bekannte Gesichter erkennt man dazwischen: Pierre Boulez ist da, natürlich, denn erstens steht sein Busenfreund auf dem Podium, der, zweitens, seine Werke zu Gehör bringt, Jürgen Flimm ist da, und die frühere Kulturstaatsministerin Christina Weiss ist da. Immer wenn ich Frau Weiss sehe, fällt mir das Interview ein, bei dem sie ausplauderte, dass sie früher bei einem häuslichen Stelldichein gern zeitgenössische Klassik auflegte - und damit jeden Mann in die Flucht schlug. Nein, heute Abend nicht. Das Publikum lauscht nicht nur andächtig der sich mit Verve ins Zeug schmeißenden Staatskapelle, sondern saugt die Worte Daniel Barenboims, der die Charakteristiken der Boulez'schen Komposition gekonnt kurzweilig und bildhaft erläutert, regelrecht auf. Schon im zweiten Teil gelten wir als - Zitat - "Boulez-Experten", doch die Vorgabe des jeweiligen Notations-Thema am Klavier ist auch eine Form der Beleuchtung, die dankbar angenommen wird. Was hat diese Musik für eine erzählerische Kraft und dramatische Wucht. Der Klang der Staatskapelle raubt einem den Atem, Barenboim ist überglücklich und Pierre Boulez wird von Ovationen überschüttet. Ein tolles Finale des Musikfestes 2010.



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