September 2009Wir kommen wieder!Eine Nachlese zum musikfest berlin 2009 |
Wir kommen wieder!Eine Nachlese zum musikfest berlin 2009Von Werner Friedrich Eigentlich ist ein solches Musikfestival eine Zumutung: Was zwischen dem Eröffnungskonzert am 4. September und dem Abschluss des musikfests berlin zweieinhalb Wochen später stattfand, versprach schon vom Papier her eine solche künstlerische Dichte und eine solche innere Kohärenz, dass man eigentlich kaum wusste, wofür man sich entscheiden sollte. Denn der Rezensent, der hier seine Vermutungen darlegt, tut dies nicht hauptberuflich, sondern muss auch noch seinen höchst unkünstlerischen Beruf versehen und seine Kinder versorgen, mit einem Wort: Er kann gar nicht jeden Abend vor Ort sein, will er nicht der Kunst wegen die Reste seiner Gesundheit opfern! Dem musikfest berlin gelingt es nämlich, ein recht traditionelles Muster - die Abfolge von (hauptsächlich) Orchesterkonzerten - einfach neu zu erfinden. Nicht, indem man dem Publikum die Sache noch einfacher macht, die Konzerte noch kürzer, das Programm noch dünner, sondern im Gegenteil, indem man kompromisslos ein Fest feiert. Und Feste dauern mitunter auch lange, bis die Besucher schließlich trunken von dannen ziehen - um bald darauf wiederzukommen!
![]() Iannis Xenakis Das Verrückte dabei ist, dass niemand auf die Idee kommen würde, das musikfest als eine Veranstaltung für die "Neue Musik" zu bezeichnen, und doch präsentiert es vieles aus dem 20. Jahrhundert und sogar ganz neue Werke. Diese wirken nicht wie Alibiveranstaltungen, auch nicht wie betuliche Rituale ästhetischer Gutmenschen, sondern man reibt sich die Augen (oder die Ohren) und fragt sich, was denn das war, das nicht nur mich, einen eingefleischten Neueklängefanatiker, sondern den ganzen Saal zunächst in hustenlose Spannung und dann in begeisterten Zuspruch versetzte? Dieses Neue war das eine ums andere Mal (zum Beispiel): Musik von Yannis Xenakis. Die flog einem richtig um die Ohren, ging einem durch Mark und Bein, Nomos Gamma, Aïs, Jonchaies und vieles andere. Und die Kombinationen der Stücke kommen nicht nur aus dem vorhandenen Apparat der eingeladenen Orchester. Das ist alles genau so gewollt, genau so bestellt und genau so geliefert. Der Dirigent des Eröffnungskonzerts, David Robertson, der das BBC Symphony Orchestra mit Verve leitete, erzählte, dass man das Programm auch in London gespielt habe, und dass ohne Berlin die Londoner niemals mit einem solchen Konzert hätten rechnen dürfen: Xenakis, Rachmaninows Die Toteninsel - übrigens ein regelrecht minimalistisches Stück, wie man es von diesem Komponisten kaum erwartet hätte - dann nochmals Xenakis und zum Abschluss Schostakowitschs Neunte. Welch eine Parforceritt! Eine unglaubliche Geschichte verbindet sich übrigens mit der russischen Neunten aus dem Jahr 1945, als Stalin ein repräsentatives, den Heroismus der noch jungen Nation feierndes Opus magnum erwartet hatte, und dann so etwas mit plimplimplim und eigenartigen langsamen Sätzen erhielt, die wir vielleicht als die wahren Ecksteine des Werkes betrachten, die aber sicherlich nicht auf viel Verständnis bei den damaligen Machthabern gestoßen sind. Da war man fast eingenommen für Schostakowitsch, von dem auch noch viele weitere Werke folgen sollten. Aber vielleicht war das auch der schwächste Punkt des Programms. Henze sagte einmal, er schlafe bei dieser Musik immer ein, und es gibt genügend Normalsterbliche, die damit heute auch noch nichts anfangen können. Man hätte ja, anstatt den Schostakowitsch-Schwerpunkt der Festwochen aus den (ja ist es wirklich schon so lange her?) 1980er Jahren zu wiederholen, Schostakowitschs Schattenbild Mieczyslaw Weinberg aufführen können und hätte somit ein in Mitteleuropa weitgehend unbekanntes Repertoire erschließen geholfen... Vertan!
![]() Hanns Eisler Aber das war's schon, mit dem Haar in der Suppe. Ansonsten eitel Freude, auch wenn eigentlich das Programm sehr düster ausgelegt war, der Tod eine durchgehend prominente Rolle innehatte. Nach der Toteninsel von "Rach" noch die von Reger, die aus den Vier Totendichtungen nach Arnold Böcklin stammen: ein wundervolles Stück, leider ein wenig aus dem Zusammenhang gerissen, großartig dirigiert von dem immer wieder beeindruckenden Ingo Metzmacher. (Hoffentlich kommen die Berliner noch drauf, was sie an ihm haben, bevor er das DSO verlässt...!) Das DSO hat aber auch Eislers tief gespaltene Deutsche Sinfonie zu Gehör gebracht. Was für ein deprimierendes Stück, in dem der Komponist indirekt einbekennt, dass einem die Geschichte das Komponieren verleiden kann! Es gibt keinen sicheren Hafen mehr, keine schöne Scheinwelt, alles ist einem vom Ekel der Geschichte - potentiert durch den Ekel der Gegenwart - verleidet! Metzmacher versuchte noch, Spannung zu erzeugen, wo keine mehr war, Matthias Goerne pumpte seinen massigen Körper auf und erzeugte doch zu wenig Ton, aber zusammen mit dem Rundfunkchor gelang doch eine repräsentative Aufführung eines Werkes, das auf negative Weise als repräsentativ für eine Zeit (Ende der 1950er Jahre) und für ein mittlerweile untergegangenes Land bezeichnet werden kann.
![]() Enno Poppe Versäumen mussten wir das doppelte Erscheinen von Hans Zender: als (wie man allenthalben hörte) famoser Dirigent von Lachenmanns Tanzsuite mit Deutschlandlied und Komponist eines neuen Violinkonzerts, das vom musikfest gemeinsam mit dem Klangforum Wien in Auftrag gegeben wurde. Dafür durften wir Enno Poppes neue Komposition Markt im Abschlusskonzert erleben, das die Junge Deutsche Philharmonie unter Susanne Mälkkis Leitung spielte. Mit seinem wunderbar ausgehörten dreiteiligen Werk beweist Poppe aufs Neue, dass er recht jung schon eine herausragende Stellung unter den deutschen Komponisten einnimmt. Zuvor: Bernd Alois Zimmermanns großartiges Trompetenkonzert (Solist: Marco Blaauw), ein im Repertoire einzigartiges Werk, in dem die afroamerikanische Nähe schon durch den Titel Nobody Knows de Trouble I See angekündigt ist. Das Stück versucht nicht, Big Band mit Symphonieorchester zu sein, aber es ist auch niemals zickig, sondern reißt einen mit seinem verhaltenen, ganz authentischen Swing vom Sessel. Mit einem Wort: Es macht genauso wenig falsche Kompromisse wie das ganze musikfest berlin. Wir kommen wieder!
Werner Friedrich besuchte die Konzerte am
04. September in der Philharmonie 16. September in der Philharmonie 21. September im Konzerthaus |