Sommernachtssinfonien

Stationen mit rotem Schostakowitsch-Faden - das Musikfest 2009
06. September 2009 - Philharmonie

Programm

Dmitri Schostakowitsch
Symphonie Nr. 7

Mitwirkende

London Philharmonic Orchestra
Kurt Masur - Dirigent
07. September 2009 - Philharmonie

Programm

Dmitri Schostakowitsch
Suite nach Gedichten von Michelangelo Buonarroti
Béla Bartók
Herzog Blaubarts Burg

Mitwirkende

Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin
Marek Janowski - Dirigent
Johan Reuter - Bass
Petra Lang - Mezzosopran
Albert Dohmen - Bariton
Otto Sander - Sprecher
15. September 2009 - Philharmonie

Programm

Dmitri Schostakowitsch
Suite für Jazzorchester Nr. 1
Symphonie Nr. 6

Mitwirkende

City of Birmingham Symphony Orchestra
Andris Nelsons - Dirigent
17. September 2009 - Philharmonie

Programm

Sofia Gubaidulina
Glorious Percussion
Dmitri Schostakowitsch
Symphonie Nr. 12

Mitwirkende

Berliner Philharmoniker
Gustavo Dudamel - Dirigent
Ensemble Glorious Percussion

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Sommernachtssinfonien

Stationen mit rotem Schostakowitsch-Faden - das Musikfest 2009

von Heiko Schon
Fotos: Christophe Abramowitz (Kurt Masur), Felix Broede (Marek Janowski), Marco Borggreve (Andris Nelsons), Kai Bienert (Gustavo Dudamel)


Kurt Masur
Foto: Christophe Abramowitz

Tag 4: Der Sommer neigt sich seinem Ende entgegen, doch unsere Volksvertreter kommen jetzt erst richtig ins Schwitzen. Sie stecken mitten in der heißen Wahlkampfphase und stellen ihr Photoshop-geglättetes Siegerlächeln überall in der Stadt zur Schau. Selbst neben dem Scharoun-Bau haben sich die schwarzrotgelbgrünen Plakate breit gemacht. Doch die nimmt an diesem Abend kaum jemand zur Kenntnis, das Interesse gilt mehr musikalischer Weltgeschichte denn politischem Tagesgeschäft. Kurt Masur, langjähriger Gewandhauskapellmeister und Lichtgestalt der Leipziger Montagsdemos, ist einer, der sich in Geschichtsbücher und Herzen gleichermaßen schrieb. Und so verwundert der stark aufbrausende Beifall nicht, als Masur den Saal der Philharmonie betritt. Auf dem Pult: Schostakowitschs Sinfonie Nr. 7. Zwar ist die Leningrader während der Belagerung durch die deutsche Wehrmacht vollendet worden, sie handelt aber - auch mit Blick aufs eigene Regime - von "Totalitarismus im Allgemeinen, von Terror, Sklaverei und eingesperrten Seelen". Masur dirigiert das London Philharmonic Orchestra ohne Taktstock, mit sparsamen Handbewegungen und einer Motorik, die aus dem Wechsel zwischen Stand- und Spielbein besteht. Das mag subtil aussehen, doch es entfaltet seine Wirkung - der Funke springt auf den Klangapparat über. Dem Angriff auf leisen Sohlen (phänomenal auf der Trommel: Rachel Gledhill) folgen explizite, ausgefeilte Gewaltausbrüche, die Masur weder wahllos aufbauscht noch glatt bügelt. Die scharfen Walzerfetzen im 2. Satz, der Zirkusmarsch im 3.: detailliert und reizvoll musiziert, anrührend und aufrichtig. Erstaunlich gelingt auch der 4. Satz, wenn schroffe Blechbläser die patriotischen Anklänge einer Siegesfeier ins genaue Gegenteil kippen. Ovationen.


Marek Janowski
Foto: Felix Broede

Tag 5: Humor hat er ja. Marek Janowski machte in einer Fragerunde mal die spitzbübische Bemerkung, dass beim Dirigieren szenischer Aufführungen vom Orchestergraben aus bisweilen nur Schadensbegrenzung möglich sei. Der künstlerische Leiter des RSO Berlin outet sich also als Freund der rein konzertanten Form: weg vom Theater, hin zum Werk. Im Falle von Bela Bartóks Herzog Blaubarts Burg mag man Janowski recht geben, was die breite Orchestrierung des Einakters betrifft. Doch die Schauergeschichte um diesen Blaubart und seine sieben Türen schreit förmlich nach Bildern. Diese können zwar genau so gut vor dem geistigen Auge entstehen, aber rein konzertant heißt bei Janowski leider auch: keine Übertitel. Derjenige, der also kein ungarisch versteht und / oder zum ersten Male die Burg betrat, tappte diesbezüglich im Dunkeln. Petra Lang hat sich die Judith so zu Eigen gemacht, dass sie ein Libretto nicht mehr benötigt. So kann sie diese Rolle gestalten, beseelen, wie eine Tigerin durchschleichen; auch die Tessitura dieser Partie passt hervorragend zu Langs stattlichem Mezzo. Bayreuths Wotan Albert Dohmen bringt sein machtvolles Organ ebenso vorbildlich in Diktion und Phrasierung ein wie seine Gesangskollegin. Mit rabenschwarzen wie wehmütigen Tönen und stimmlichen Reserven, die aus dem Vollen schöpfen, geht diesem Blaubart niemals die Puste aus. Bleibt Dohmens Blick auch auf dem Textbuch haften: Als Paar sind beide eine Idealbesetzung. Das Spiel des Rundfunk-Sinfonieorchesters ist von hoher technischer Brillanz. Wie präzise der Einsatz der Posaunen (Fünfte Tür), wie geschlossen die Streicher: Ausgewogenheit, Dynamik, Akkuratesse - darauf kommt es Janowski an. Doch was die morbide Schönheit, die nächtlichen Farben dieser Partitur angeht, davon kaum eine Spur. Auch der erste Konzertteil fällt zwiespältig aus. Die Suite mit elf vertonten Michelangelo-Gedichten, von Schostakowitsch erst für Bass und Klavier geschrieben, dann auf Orchesterniveau gehievt, schwappt stilistisch zwischen den Stühlen und klingt ein wenig so, wie Fertigsoße schmeckt: fade. Johan Reuter singt zwar vollmundig und textdeutlich dagegen an, aber die mangelnden Akzente der Komposition können weder er noch Janowski vergessen machen.


Andris Nelsons
Foto: Marco Borggreve

Tag 13: Es geht aufs letzte Drittel zu. Nach Mariss Jansons, Simon Rattle, Hans Zender, Lothar Zagrosek, Bernard Haitink, Vladimir Ashkenazy und Valery Gergiev gehen nun die jungen Wilden an den Start. Den Anfang macht Andris Nelsons, der seit einem Jahr Musikdirektor des City of Birmingham Symphony Orchestra ist. Vor ein paar Jahren galt Nelsons noch als Geheimtipp, doch mittlerweile reißen sich viele Intendanten um den 31-jährigen Letten. Selbst Kirsten Harms machte ihm nach dem Abgang von GMD Renato Palumbo den Hof. Als Chefdirigent stemmte er den kompletten Ring an der Nationaloper in Riga, was ihm ein Engagement bei den Bayreuther Festspielen bescherte (Eröffnungspremiere Juli 2010 / Lohengrin / Regie: Hans Neuenfels). Wer Nelsons einmal auf dem Podium erlebt, sieht die Begeisterung, diese totale Hingabe, mit der er die Dinge angeht. Ein gestandener Mann, der wie ein kleiner Junge strahlt und am Ende total verschwitzt ist. Diese Leidenschaft steckt an. So auch bei Schostakowitsch. Weich tupft er die Schläge im Allegro-Satz, zieht feine Fäden, durchforstet im Detail. Zum Galopp im 3. Satz gebraucht Nelsons dann die große Emphase, wühlt in Tiefen, beschwört Urkräfte. Mag das Birmingham Symphony Orchestra mit klitzekleinen Mängeln gespielt haben (die Flöten!): Die Ausdruckskraft war eindeutig höher zu bewerten.


Gustavo Dudamel
Foto: Kai Bienert

Tag 15: Das Musikfest könnte in diesem Jahr gut und gerne "Schostakowitsch-Festspiele" heißen. Elf Sinfonien, zwei Suiten und eine Sonate bilden keinen Schwerpunkt mehr - eher sind die Werke der übrigen Komponisten Rahmenprogramm. Etwas Mozart hier, ein bisschen Stockhausen dort. Aber es gibt auch was (fast) Neues. Sofia Gubaidukinas Glorious Percussion feiert in Berlin seinen 1. Geburtstag. Unter der Leitung von Gustavo Dudamel fand am 18.09.2008 die Uraufführung des "Konzertes für Schlagzeugensemble und Orchester in einem Satz" in Göteborg statt. Doch der Zuspruch zum Wiegenfest hält sich in Grenzen. Das mag zum einen daran liegen, dass Dudamel ohne erkennbares Interesse am Stück festhält, so uninspiriert schlägt er die Takte. Zum anderen überlegt man angestrengt, was denn nun mit "glorious" gemeint sein soll. Es befinden sich in der Partitur ein paar Schnipsel, die an Mussorgskys Bilder einer Ausstellung denken lassen, aber sonst wird die üppige Orchesterbesetzung weitgehend sparsam oder einseitig eingesetzt. Selbst die Rhythmen der Schlagzeug-Batterie kommen über eine seltsame Mischung aus STOMP! und Klangtherapie selten hinaus. Danach - man mag es kaum glauben - spielen die Berliner Philharmoniker die 12. Sinfonie von Schostakowitsch auch zum allerersten Mal. Unter Dudamel ist jedoch an diesem Abend kein Blumentopf zu gewinnen, spürt man wenig des viel zitierten "südamerikanischen Temperaments". Dudamel läßt donnernd die Säbel rasseln und nimmt der Musik jedwede Möglichkeit, sich entfalten zu können. Lautstärke statt Aussage, Schmerz statt Geheimnis. Ein maues Finale.



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