Die Schönheit der Schwarzmalerei

Stationen mit rotem Messiaen-Faden - das Musikfest 2008
5. September 2008 - Philharmonie

Programm

Olivier Messiaen
Hymne
Francis Poulenc
Konzert für Orgel, Streicher und Pauken
Anton Bruckner
Symphonie Nr. 3

Mitwirkende

Koninklijk Concertgebouworkest Amsterdam
Mariss Jansons - Dirigent
Leo van Doeselaar - Orgel
8. September 2008 - Philharmonie

Programm

Olivier Messiaen
Les Offrandes oubliées
Maurice Ravel
Ma mère l'oye
Alexander Zemlinsky
Lyrische Symphonie

Mitwirkende

Orchestre de Paris
Christoph Eschenbach - Dirigent
Christine Schäfer - Sopran
Matthias Goerne - Bariton
16. September 2008 - Philharmonie

Programm

Richard Wagner
Wesendonck-Lieder
Olivier Messiaen
Éclairs sur l'Au-Delà...

Mitwirkende

Deutsches Symphonie-Orchester Berlin
Ingo Metzmacher - Dirigent
Angela Denoke - Sopran

Partner Leserbrief/readers comment Druckversion/printversion

Die Schönheit der Schwarzmalerei

Stationen mit rotem Messiaen-Faden - das Musikfest 2008

von Heiko Schon

Tag 2: Mist! Wieder das falsche Outfit. Ohne ein einleitendes Wort zeigt der Herr seine Karte im Foyer und liest vor: "Block B rechts, Reihe 4, Platz 7". Aha. Man zieht sein Ticket aus der Westentasche - langsam verändert sich die Gesichtsfarbe des Herrn - und vergleicht: "Block C, auch rechts, aber Reihe 6, Platz 13". Ein paar Schritte später - man inspiziert gerade die Prospekte am Infotresen - will ein junger Gentleman in gestochenem Englisch wissen, wo denn die Einführung stattfände. Mehr als eine Entschuldigung, dass man leider nicht zum Haus gehöre, ist als Antwort nicht drin. Mariss Jansons kann so was nicht passieren. Selbst für den absurden Fall, dass keinem im Saal der Name Jansons etwas sagen würde: Dieser Mann, der da zielsicher in Richtung Podium marschiert, trägt Frack und Taktstock. Also, unverkennbar, ein Dirigent. Zur Eröffnung eine Hymne. Jansons bringt seine Ellenbogen seitlich in Stellung, geht in die Knie, die Schwalbenschwänze wackeln. Auf und nieder, immer wieder. Komm, schwarzer Vogel, kreise durch die deutsch-französische Musiklandschaft, nimm uns mit. Metaphorik mal kurz beiseite: Die beiden Werke des ersten Konzertteils sind von eher spröder Natur, gespickt mit Klangfetzen und wechselnden Stimmungen. Das Königliche Concertgebouworkest überzeugt dank des Orgelspiels von Leo van Doeselaar vor allem in Poulencs düster-schrägem Juwel. Bruckners Dritte dagegen: Eine runde, ja schon rund gelutschte Angelegenheit. Hier fehlt's deutlich an Kontrasten, bleibt von den signalartigen Melodien so gar nichts haften. Unklar bleibt auch, warum Jansons nach getaner Arbeit zuerst um Applaus für die patzenden Hörner bittet.

Olivier Messiaen

Tag 5: Noch drei Monate bis Olivier Messiaens 100. Geburtstag. Auch das Orchestre de Paris ehrt seinen Landsmann und hat dessen Meditation im Gepäck. Mit Christoph Eschenbach steht ein Charismatiker am Pult, der mit dem ganzen Körper dirigiert. Seine Spinnenbeine stehen selten still, die Arme fangen auf, werfen weit, führen schneidig-spitz. Und der Klangkörper folgt seinem Leiter mit kühler Verve. Fort mit dem fetten Schwulst, der sich so oft schon auf Messians Exotik legte! Weg mit diesen harmonischen Walzerseligkeiten: Wir spielen Ravels Ballettmusik als wär's ein sinfonischer Eisregen! Die Devise lautet: so warm wie nötig, so winterlich wie möglich. Diese kristalline Akustik passt gleichermaßen zu Zemlinskys Lyrischer Symphonie. Dass Matthias Goerne einen mauen Tag hat, ohne Inbrunst, ja bald gelangweilt seine Phrasen vorträgt und erst im Finale ("Friede, mein Herz") etwas von Gefühlen, von Obsession und Traurigkeit, durchschimmern lässt - geschenkt. Stattdessen hängen wir an den bittersüßen Lippen von Christine Schäfer, saugen jeden Atemzug, jeden Seufzer dieser "Schneekönigin" auf. Da trifft kühle Anmut auf sinnlichste Linienführung. Schäfer gestaltet nie subtil und ist dennoch klug genug jegliche Überbetonung zu umschiffen. Jetzt wissen wir wieder, wie packend die Wiener Moderne sein kann. Wohin mit so viel Emotion? Es tut weh, es bricht heraus: ein Konzert, zum Sterben schön.

Tag 13: An den Garderoben liegen kostenlose Kräuterbonbons. Die helfen zwar, wenn es mal im Halse kratzt, aber nicht bei erkrankten Soprankehlen. Katarina Dalayman hatte ihre Isolde unter Daniel Barenboim am vorletzten Sonntag nicht unbeschadet überstanden und fiel aus. Während nun Deborah Polaski über den Staatsopern-Bühnenengel turnte, sprang Angela Denoke beim Musikfest ein. Diese reißt jedoch mit ihrem Jungfräuleintimbre - samtpfotig und anschmiegsam wie ein Kaschmirpulli - diesmal nicht von den Plätzen. Bei allerschönstem Singsang: Weniger Sieglinde, dafür mehr Isolde, also mehr Hochdramatik, hätte den Wesendonck-Liedern ganz gut getan. Da auch das Spiel des Deutschen Symphonie-Orchesters nicht berauschend ist, hängt der Spannungsbogen im ersten Teil ziemlich durch. Die elf Eclairs-Sätze sind das letzte Werk Messiaens. Nein, nicht nur: Diese Symphonie ist ein Resümee. Bläser-Choräle, Gong-Akzente, hammerharte Glockenspiele, dort indische Rhythmik, da flimmernde Triller. Und immer wieder zeigt sich das schizophrene Genie zwischen Komponist und Ornithologe, hüpft der Leierschwanz von Flöte zu Flöte, zirpt die Grasmücke zwischen den Violinen. Ingo Metzmacher braucht ein wenig Anlauf um das DSO in Fahrt zu bringen, aber dann flutscht es. Der Chefdirigent geht gut gelaunt ans Werk: emphatische Schlagtechnik, ästhetische Lebendigkeit. Begeistert fliegen die Töne und landen wie Farbspritzer auf einer Leinwand, die beim Zer- und Ineinanderlaufen ein Klangbild von kraftvoller Noblesse erzeugen. Cool.



©www.klassik-in-berlin.de