14.-16. Juli 2006

Gib mir die Kugel!

Drei Tage Mozart an der Komische Oper Berlin

Programm

Wolfgang Amadeus Mozart:
Le nozze di Figaro (Die Hochzeit des Figaro)
Don Giovanni
Così fan tutte

Mitwirkende

Komische Oper Berlin
Musikalische Leitung: Kirill Petrenko
Ensemble- & Gastsolisten
Orchester & Chorsolisten der Komischen Oper Berlin

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Gib mir die Kugel!

Drei Tage Mozart an der Komische Oper Berlin

von Heiko Schon

Schon seit ein paar Jahren bündelt die Komische Oper ihre Kräfte, ballt die Fäuste, trotzt der Hitze und schiebt den Beginn ihrer Sommerferien deutlich weiter nach hinten als Staats- und Deutsche Oper. Getreu dem Motto "Das Beste zum Schluss" servierte man an drei aufeinander folgenden Tagen mit dem Mozart-Fest eine Aufführungsserie der so überaus populären Da-Ponte-Opern. Unter der Stabführung des Generalmusikdirektors Kirill Petrenko feierte man freitags Figaros jüdische Hochzeit, wohnte samstags der Kastration Don Giovannis bei und wurde sonntags bei Così fan tutte aufgeklärt, dass es so auch alle KrokodilInnen und Toaster machen. Jeweils mit Einführungsvortrag, Sektempfang, Foyermusik, Pausenschnittchen und Publikumsdiskussion. Mozart ist im Haus an der Behrenstrasse schon immer fest verankert gewesen. Walter Felsenstein analysierte die Werke des Komponisten und inszenierte Oper als Theater, Harry Kupfer setzte mit seinem Zyklus diesen Gedanken fort und auch in der Ära von Andreas Homoki bilden die Mozartschen Bühnenstücke einen wichtigen Stützpfeiler im Kredo der Komischen Oper.

In einem so straff geschnürten Theaterpaket bemerkte man deutliche Unterschiede. So zeigte etwa der an Slapstick überbordende erste Teil von Barrie Koskys Figaro schon erste Verschleißerscheinungen. Nicht alle Gags zündeten mehr so wie in der Premierenstaffel und auch der minutiös getimten Personenführung mischte manch ein Solist künstlerische Freiheiten bei. Die schlüssige Umsetzung des dritten Aktes gipfelt in einer jiddischen Doppelhochzeit (Mozart mit Instrumenten aus der Klezmermusik!). Umso enttäuschender dann das Finale: Kosky fiel zu den Täuschungsmanövern der Weiblichkeit nicht viel mehr als ein schwarzer Umhang, eine zwischen Graben und Bühne stehende Leiter sowie etwas zapplige Personenführung ein. Und so blieb er (gerade bei solch ausgeschlafenen Charakteren) eine szenisch einleuchtende Umsetzung schuldig. Ganz große Momente hatten der Cherubino von Stella Doufexis und die Susanna von Brigitte Geller, während Petrenko etwas zu anständig im Graben waltete.

Peter Konwitschnys Don Giovanni stellte sich als der Stachel in der Mitte des Triptychon heraus. Seine Lesart über einen (Frauen-)Helden, dem gemeinschaftliche Angepasstheit und moralische Grenzen fremd sind, der schlussendlich durch die Gesellschaft in den grauen Anzug gezwungen und seiner Libido beraubt wird, hat nichts an frechem Zeitgeist und ätzendem Witz eingebüsst. Petrenko malte zügig in schwarzen, einfressenden Farben; Elisabeth Starzinger stach als zuckersüße Zerlina hervor.

Dietrich Henschel stellte an zwei Abenden hintereinander seinen Ruf als fesselnder Singschauspieler unter Beweis. Wo er noch am Vortag als auch stimmlich beflügelter, frischer Don Giovanni auftrumpfte, beeindruckte er in Così fan tutte als ein Don Alfonso, der mit der Liebe abgeschlossen hat und doch alle Liebenden beneidet. Zweimal feuert er sich die Kugel in den Kopf und zeichnet so eine des Lebens überdrüssige, leergebrannte Figur und - in diesem Zusammenhang kurios - die logische Entwicklung seines vorherigen Charakters. Musikalisch gesehen geriet dieser Abend am geschlossensten: Petrenko sprühte vor Freude am Musikmachen und das Orchester folgte ihm bereitwillig wie klangschön. Apropos schöner Klang: Was Maria Bengtsson (Fiordiligi) und Stella Doufexis (Dorabella) an Farbenzauber und Geschmeidigkeit über die Rampe hauchten, war an Sinnlichkeit nicht zu überbieten.

Manch einer nutzte das Angebot der Einführungsvorträge von Prof. Dr. Elmar Budde (die leider den schläfrigen Charme trockner Fortbildungsmaßnahmen besaßen), doch die Mehrheit stieß lieber bei Divertimenti im Foyer mit einem Glas Sekt auf den Abend an. Wie so oft gerieten die an die Opern anschließenden Publikumsgespräche zu pauschalen Unmutsäußerungen über modernes Regietheater. Totale Einigkeit herrschte dagegen bei der Pausenschlacht um Hühnerspieße und Mozartkugeln. Eine runde Sache also, die aufging. Und doch schwebte über dem Wolferl-Weekend leise Abschiedsstimmung: Kirill Petrenko, der als einzige Konstante im neu installierten Mozart-Zyklus galt, verabschiedet sich auf Raten. Mit der Così dirigierte der amtierende GMD zum letzten Mal eine Mozart-Oper in seiner jetzigen Funktion. Wegen auswärtiger Termine von Petrenko gab man die musikalische Einstudierung der Zauberflöte, das einzig noch fehlende große Werk, welches in der Regie von Hans Neuenfels am 25.11.2006 Premiere haben wird, an Markus Poschner ab. Auch die Abende insgesamt, die Petrenko sonst in einer Saison dirigiert, haben zur Spielzeit 2006/07 beträchtlich abgenommen. Endet sein Vertrag an der Komischen Oper, ist man beidseitig bestrebt, Gastengagements zu vereinbaren. Eine feste Position an diesem oder einem anderen Haus möchte Petrenko aber anschließend nicht bekleiden. Das Jetset-Leben ist halt verführerisch.



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