März 2003

MAERZMUSIK 2003 - die Entdeckung der Randzone

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MAERZMUSIK 2003 - die Entdeckung der Randzone

Von Steven Benzin

Die diesjährige MAERZMUSIK stand unter keinem einheitlichen Motto. Der Austausch der Kulturen und die interkulturelle Begegnung mit der Musik der baltischen Länder war einer der Schwerpunkte. Daneben wurden Formen des experimentellen Musiktheaters vorgestellt. Dieses Festival war jedoch nicht geprägt durch große Komponistenpersönlichkeiten oder bedeutende Uraufführungen. Die Auftragswerke besaßen zwar ein hohes Niveau, neue Erkenntnisse konnte man jedoch nur wenigen Werken abgewinnen. Es gab viele unkontrollierte Sprünge im Programmablauf. Aus der Stille bzw. Dunkelheit gekommen, stürzte man in die laute Welt der Maschinenmusik - manchmal war das schon ein Sprung ins kalte Wasser. Die Veranstalter versuchten zu verbinden, Gemeinsamkeiten nachzuspüren. Der gemeinsame Nenner war dabei jedoch nicht immer klar. Einige Höhepunkte waren dennoch zu verzeichnen.

Cikada und Elision Ensembles
Schon das Eröffnungskonzert mit dem Cikada Ensemble aus Oslo und dem Elision Ensemble aus Brisbane unter der Leitung von Christian Eggen ließ aufhorchen. Dark Matter von Richard Barrett war keinem bestimmten Genre zuzuordnen. In der von Per Inge Bjorlo inszenierten Rauminstallation aus scharfkantigem Metall, Glas und Käfigen erklang ein bedrohliches Werk, das an den Grundfesten der Existenz rüttelte. Dark Matter verschmolz Elemente der elekronischen Musik mit der barocken Formsprache. Der laute psychodelische Einsatz der E-Gitarre wechselte mit zarten Passagen. Die komplexe Werkstruktur verdichtete sich zu einem Mosaik unterschiedlichster Wahrnehmungen: eine klanggenetische Auseinandersetzung mit technischem Fortschritt und Entfremdung.
Das feinfühlige Musizieren unter dem sensiblen Christian Eggen konnte man auch am Samstag den 15. März im Kammermusiksaal der Philharmonie bestaunen. Das Cikada Ensemble spielte Werke von skandinavischen Komponisten, das Elision Ensemble präsentierte die zeitgenössische Musikszene Australiens. Norwegen und Australien sind Länder mit einer relativ jungen Musiktradition. Ging es den nordischen Komponisten um Begriffe wie Zeit und Individualität, war im australischen Programmteil die geographische und auch geistige Nähe zum asiatischen Kulturkreis deutlich spürbar. So verwendete Michael Finnisy in seinem Stück Sorrow and its beauty das Erhu, ein klassisches chinesisches Streichinstrument. Das Konzert zeigte deutlich die Auseinandersetzung mit dem Thema Emigration und den multikulturellen Strömungen, die junge australische Komponisten fesselt und prägt.
Das Cikada Ensemble aus Oslo räumte mit dem Klischee der nordischen Musik auf: Der skandinavischen Musik wird eine protestantische Strenge und Zurückhaltung nachgesagt, was sich an diesem Abend nicht bestätigt hat. N atürlich war die Einbeziehung naturhafter Klänge deutlich zu hören. Auch das vielbeschworene nordische Licht schimmerte durch die Werke von Jon Ness, Lars Peter Hagen und Bent Sorensen. Neu und ungewöhnlich war der ironische Umgang mit dem Material. Während die erste Programmhälfte meditative Impressionen von eisiger Klarheit formulierte, entführte das Elision Ensemble in das bunte multikulturelle Treiben des australischen Subkontinents.

Armenischer Höhepunkt
Der Sonntag brachte die Begegnung mit dem bedeutendsten armenischen Komponisten auf dem Gebiet der Symphonie. Awet Terterjan erzählt in seinen Werken die traurige Geschichte seines Landes und Volkes, einem der ältesten Kulturvölker. Die 5. Symphonie besitzt eine visionäre Kraft und Ausdrucksgewalt, die tief berührt. Aus langen anhaltenden Tönen erhebt sich ein Klanggebirge, das in den armenischen Lebenswelten und Landschaften verwurzelt ist. Der Stil von Terterjan ist individuell und eigenständig. Die armenische Mentalität wird nicht durch folkloristische Effekte nachgezeichnet, obwohl das armenische Instrument, die Kamancha, zum Einsatz kommt. Aus dem zarten fragilen Klang dieses alten Instruments schöpft Terterjan seine Inspiration. Irgendwo zwischen Orient und Okzident angesiedelt, erzählt die 5. Symphonie die Jahrhunderte alte Geschichte eines geschundenen Volkes. Dieses Meisterwerk war die schönste Entdeckung, die man auf der Maerzmusik machen konnte. Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin spielte mit spürbaren Engagement. Vor allem die rituelle Kraft dieser expressiven Musik wurde unter dem jungen Dirigenten Vykintas Bieliauskas deutlich herausgemeißelt. Er koordinierte den gewaltigen Apparat aus Schlagzeug, Kirchenglocken und riesigem Orchester mit Umsicht. Das Konzert war ein archaisches Klangerlebnis, das unter die Haut ging.

Schwerpunkt baltische Musik
In den letzten Jahren erlebten die baltischen Länder einen kulturellen Boom. Nach der Unabhängigkeit besann man sich auf die eigenständigen Wurzeln und entdeckte längst, durch die Fremdherrschaft unterdrückte, verschüttete Spuren einer alten Kulturlandschaft. Arvo Pärt, Lepo Sumera und Erkki-Sven Tüür haben zur Popularität beigetragen. Die Maerzmusik stellte die Unterschiede zwischen estnischer, litauischer und lettischer Musikkultur und Mentalität deutlich heraus. Die Gemeinsamkeit liegt im stark verwurzelten Traditionsverständnis, der Unterschied im Temperament und Umgang mit musikalischen Formen. Während die estnische Musik durch eine meditative und spirituelle Kraft geprägt ist, sind die litauischen Kompositionen erdverbundener und lebendiger in der rhythmischen Gestaltung. Die beiden Kammerorchester aus Vilnius (Gaida Ensemble) und Tallinn (NYYD Ensemble) haben die Kontraste exemplarisch vorgestellt. Jung, unverbraucht, frisch und stets mit einem Publikumsbezug, spürte man auf der Maerzmusik die außerordentliche Kreativität, die das baltische Musikverständnis auszeichnet.

Das Reich der Dunkelheit
Um Grenzerfahrungen ging es auch beim Konzert des Berliner Kairos Quartett. Das 3. Streichquartett von Georg Friedrich Haas erklingt in völliger Dunkelheit. Es entsteht ein Gefühl der Isolation. In knapp 40 Minuten entfaltet er eine Musik ohne Augenreize und ermöglicht etwas wie einen freien Fall. Allmähliche Lichtspuren durchfluten das Streichquartett. Haas entwickelt aus Geräuschen minimalistische Strukturen und klangliche Prozesse, die motorisch dem Höhepunkt zusteuern. Die 4 Musiker suchen sich und versuchen eine Kommunikation aufzubauen. Herzstück der Komposition ist ein Zitat aus einem Responsorium von Carlo Gesualdo di Venosa. Das Konzert brachte eine ungewöhnliche Erfahrung und wurde vom Publikum mit viel Beifall belohnt.

Eine Diva am Abgrund
Ingrid Caven ist eine Grenzgängerin, die zwischen Bühne und Film einen Kultstatus erreicht hat. Mit der besonderen Stimme gesegnet, war sie die Muse von Rainer Werner Fassbinder und später eine Diva, die zwischen Arnold Schönberg und dem französischen Chanson hin- und herpendelte. Sie hat eine außergewöhnliche Lebensgeschichte, die ihr Lebensgefährte Jean-Jacques Schuhl zu einem Roman verdichtet hat. Kindheit in der Provinz, erster Auftritt im 3. Reich, danach die Karriere im Schlager- und Filmgeschäft und natürlich die Begegnung mit Fassbinder. In Schattenzonen erzählte und spielte Ingrid Caven diese Geschichte pointiert, mit dichten Momenten. Die Musik komponierte Pierre Henry, einst Vorreiter der Musique Concrète und Pionier der elektronischen Musik. Leider spielte der musikalische Rahmen nur eine sekundäre Rolle und hat sich schnell verflüchtigt. Im Zentrum stand die Caven, die alle Zickigkeiten einer Diva zur Schau stellte und sich in Weltschmerz badete. Der umständliche Text legte sehr viel Wert auf Symbolhaftigkeit und brachte selten Ironie ins Spiel. Die Inszenierung litt an der Größe der Bühne, die wenig Intimität zuließ und daher an Wirkung verlor. Vor allem fehlte aber eine sinnvolle Verknüpfung von Musik und Text. Als Hörspiel kann Schattenzonen sicherlich eine andere Qualität entfalten, als Bühnenperformance bleibt die Aussage verschattet und irritierend im Kunstanspruch.

Sonic Arts Lounge
Die allabendliche Sonic Arts Lounge war eine Spielwiese der elektroakustischen Musik, auf der die große Spannweite und stilübergreifenden Möglichkeiten erprobt wurden. Neben den Klassikern Phil Nibblock und Pierre Henry war alles vertreten: von Techno, Ethno Pop, Acid Jazz, Death Metall bis zu Ambiente. Das Festspielhaus verwandelte sich mal in einen futuristischen Club, mal in eine Tangobar oder in einen multimedialen Klangraum. Die Kunst des Sampling, des Remixes als Teil der modernen Popkultur, wurde von Laptop Künstlern auf vielfältigste Weise realisiert, ob als laute panische Ekstase wie bei Donna Summer, oder als zivilisationskritischer Reflex wie bei Negativland. Das Lautsprecherorchester Motus war sicherlich einer der Höhepunkte der diesjährigen Maerzmusik. Sechsundvierzig im ganzen Raum verteilten Lautsprecher luden zu einem Hörkino der besonderen Art ein. Es wanderten Geräusche, tranceartige Cluster, wirbelnde Kaskaden von elektronischem Gewitter, verfremdete Alltagslaute und ohrenbetäubender Industrielärm durch die Hallen des Festspielhauses. Dass elektronische Musik eine orchestrale Fülle besitzen kann, unterstrichen die Klangkünstler auf differenzierte Weise: elektronische Musik hat selten eine derartige sinnliche Wärme ausgestrahlt. Ligeti hat einmal gesagt, dass elektronische Musik kein Timbre und Körper hat. Das Motus Lautsprecherorchester hat dieser Behauptung widersprochen. Man konnte sich auf eine Klangreise begeben, die den gestressten Großstadtmenschen eine "durchwachte Nacht" erleben ließ.



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