Tschüß mit Tschaikowsky, Hello aus Hollywood

Ein Konzert-Resümee zum Jahreswechsel
23. Dezember 2009 - Komische Oper Berlin

Programm

Peter Iljitsch Tschaikowsky
Variationen über ein Rokoko-Thema
Liebesduett aus der Oper Romeo und Julia
Neun Sätze aus der Ballettsuite Schwanensee

Mitwirkende

Orchester der Komischen Oper Berlin
Carl St. Clair - Dirigent
Erika Roos - Sopran
Tomá Cerný - Tenor
Felix Nickel - Violoncello
30. Dezember 2009 - Philharmonie

Programm

Sergej Rachmaninow
Klavierkonzert Nr. 2
Peter Iljitsch Tschaikowsky
Zweiter Akt aus dem Ballett Der Nussknacker

Mitwirkende

Berliner Philharmoniker
Sir Simon Rattle - Dirigent
Lang Lang - Klavier
01. Januar 2010 - Komische Oper Berlin

Programm

Great Musical Moments in Film
komponiert von: Miklós Rózsa, Bernhard Herrmann, Leonard Bernstein, Henry Mancini, Richard Rodgers, John Corigliano, Elmer Bernstein, Ennio Morricone, Irving Berlin, John Williams

Mitwirkende

Orchester der Komischen Oper Berlin
Carl St. Clair - Dirigent
Erika Roos - Sopran
Günter Papendell - Bariton
Philippe Quint - Violine
Christina Domnick - Klavier
Knut Elstermann - Moderation

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Tschüß mit Tschaikowsky, Hello aus Hollywood

Ein Konzert-Resümee zum Jahreswechsel

von Heiko Schon
Fotos: Simon Fowler (Simon Rattle), Marco Borggreve (Carl St. Clair)


Simon Rattle
Foto: Simon Fowler

Im Dezember reibt sich ein Intendant die Hände, gilt doch dieser als der Kulturmonat schlechthin. Die Auslastung stimmt, die Kasse klingelt - vorausgesetzt der Theaterleiter beachtet die einfachsten Regeln und bietet dem Publikum die Weihnachtsmänner Humperdinck, Mozart und Puccini an. An der Deutschen Oper lässt sich Hänsel und Gretel prima (und preiswert) aus dem hauseigenen Ensemble besetzen, Die Zauberflöte garantiert der Lindenoper Winter für Winter eine volle Bude und auf das Taschentuchdrama La Bohème will zum Jahresende keines der Berliner Häuser verzichten. Vladimir Malakhovs bevorzugter Komponist für die Feiertage ist - wen wundert's: Peter Iljitsch Tschaikowsky. Doch die Zeiten, in denen ein Musikchef wie Daniel Barenboim Vorstellungen des Staatsballetts dirigierte, liegen lange zurück. Wer über das Rumsbums aus dem Graben bei der Schwanensee-Wiederaufnahme im vergangenen Oktober genauso erschrocken war, weiß, wovon hier die Rede ist. Dass Carl St. Clair und Sir Simon Rattle nun traditionellen Tschaikowsky zum Frohen Fest servieren, ist natürlich auch eine dieser "sicheren Nummern". Aber der Musik aus Schwanensee und Nussknacker kann nichts besseres passieren...

Das Weihnachtskonzert der Komischen Oper gerät im Ausdruck sogar eine Spur expressiver, direkter, zupackender, weil St. Clair neben dem süßen Rausch das Substanzielle der Geschichte nicht aus den Augen verliert. Sein Tschaikowsky kommt nie in die Nähe von Kitsch oder Künstlichkeit. Dagegen amüsieren sich die Berliner Philharmoniker über die zuckrige Konfitürenburg, spielen unter Rattle in geschlossener Klangschönheit auf - und müssen aufpassen, damit dem Zuhörer nicht die Ohren zu verkleben. Was beide Orchester hinsichtlich ihrer Kunstfertigkeit leisten, ist gebührend zu loben. Gerade die Solo-Passagen sind ein wahrer Hochgenuss: Die Zuckerfee kreiselt leichtfüßig (als Gast an der Celesta: Holger Groschopp), die Kastagnetten schnackeln feurig (Spanischer Tanz) und an der Harfe scheint das Schwanenmädchen höchstpersönlich zu sitzen...


Carl St. Clair
Foto: Marco Borggreve

Etwas zwiespältiger fallen die jeweils ersten Programmteile aus. Die Variationen über ein Rokoko-Thema vermögen es kaum, in weihnachtliche Stimmung zu versetzen. Dafür geht das Duett aus der (unvollendeten) Oper Romeo und Julia unter die Haut: Erika Roos und Tomá Cerný sind ein ideal aufeinander abgestimmtes Liebespaar. Lang Lang, der bei den Philharmonikern in dieser Saison als "Pianist in Residence" unter Vertrag steht, trimmt Rachmaninows 2. Klavierkonzert auf Hochglanz - und rutscht damit schnell in Manierismus ab. Das Traurige wird zum Plastikgefühl, zur gemachten Emotion. Einmal, zu Beginn des zweiten Satzes, bricht die gefällige Oberfläche auf, schwebt Melancholie durch den Raum. Dass dies ein flüchtiger Moment bleibt, ist schade und auch ein Beweis dafür, dass sich mit Perfektion allein keine Seele herbeizaubern lässt.

Mit der pompösen Parade of Charioteers aus Ben Hur gibt Carl St. Clair den musikalischen Startschuss fürs Jahr 2010. Zwar wird es im Anschluss daran erst einmal ernster (Vertigo-Suite und Chaconne aus The Red Violin), aber nach der Pause purzelt Hit auf Hit: Die glorreichen Sieben, E. T. und Superman schauen vorbei und das Orchester spielt diese Soundtracks mit so viel Inbrunst und Schmackes, dass man schnell ins Schwärmen gerät. Als dann noch John Williams Grüße per Video über den großen Teich schickt und sein Thema aus Star Wars erklingt, ist sie da, die Gänsehaut. Somewhere (West Side Story) ist alles andere als ideal für Erika Roos, aber mit Anything you can do kann die Sängerin zeigen, was für ein toller und beweglicher Sopran in ihrer Kehle steckt. Gegen diese Annie (Annie Get Your Gun) muss sich Günter Papendell, der mit seinem lautstarkem Vibrato schon im Moon River baden ging, geschlagen geben. Phillippe Quint stellt sein Geschick auf einer Stradivari unter Beweis (wir drücken die Daumen, dass es mit dem Grammy klappt) und auch der locker-flockige Moderator Knut Elstermann (bei Radio Eins vor allem fürs Kino zuständig) entpuppt sich als große Bereicherung. Elstermann streut ein paar Anekdoten ein, bringt seine Ansagen auf den Punkt. Die Pointen sitzen. Warum also nicht einen jährlichen Schwerpunkt daraus machen? Bald ist wieder Berlinale. Wenn St. Clair die Melodie von Raumschiff Enterprise dirigiert und Frau Roos den darin enthaltenen Vokalen beisteuert, würden sicher nicht nur Trekkies leuchtende Augen bekommen.



www.klassik-in-berlin.de