Kirsten Harms: Der Wille zur Kunst und zur Reflexion
Die neue Intendantin der Deutschen Oper Berlin auf dem Weg nach Berlin
Von Nancy Chapple / Fotos: Jens Paape
Sie haben in Kiel als Intendantin im Sommer 2003 aufgehört, um mehr Regie zu führen. Und dann kam der Ruf nach Berlin...
Die Anfrage der Deutschen Oper war schon sehr reizvoll.
Eigentlich hatte ich ja vor, einige Jahre lang nur Regie zu führen.
Ich hatte keine Planung ein Haus zu übernehmen.
Ja und dann kam irgendwann ein Anruf, ob ich Interesse an der Deutschen Oper Berlin hätte.
Hatten Sie in der Zwischenzeit genügend Gelegenheit für eigene Produktionen?
Ich habe Romeo und Julia in Dresden und Anatevka in Bonn gemacht.
Es hätten noch viel mehr sein können, aber so viel kann man gar nicht schaffen, will ich auch gar nicht.
Es hat viel Spaß gemacht zwei ganz andere Sachen zu inszenieren: hier ein Schauspiel und dort ein Musical - auf jeden Fall keine Oper.
Ist es nicht "ganz schön mutig" von Ihnen in dieser Situation nach Berlin zu kommen?
Ich bin da mutig, ja. Wahrscheinlich. Es ist ja nicht so, dass ich nicht wüsste, was auf mich zukommt - einfach indem ich acht Jahre lang ein Haus geführt habe.
Eine Konkurrenz zwischen drei Häusern - das gab es in Kiel sicherlich nicht.
Nicht so, aber es gab die Konkurrenz zu anderen Städten.
Es geht eigentlich immer darum, dass man selber etwas macht, das mit einer künstlerischen Handschrift etwas zu tun hat und etwas Eigenes ist.
Die Kulturlandschaft hat es natürlich insgesamt unwahrscheinlich schwer und zwar deshalb, weil überall Kultur eingeschränkt und abgebaut wird.
Das kostet Intendanten unwahrscheinlich viel Energie. Zum Beispiel bei den Direktoren in der Sparte Ballett, die unglaublich stark, stärker als alle andere Sparten leidet, weil da einfach rigoros abgebaut wird.
Ich habe das am eigenen Haus in Kiel erlebt: Wenn irgendwelche große Sparmaßnahmen anstanden, wie die Künstler fast den Kopf verloren haben vor Angst vor dem, was dann kommt.
Man kann dann im Grunde auch nicht wirklich mehr produzieren. Wenn für ein Werk, was man vorhat, plötzlich viel weniger Personal zur Verfügung steht ... oder man das Personal plötzlich gar nicht mehr hat. Und dann muss man alles umschmeißen, alle Konzepte, alle Gedanken, man kann diese Planung nicht durchführen.
Künstler haben aber Verträge, oder was macht man mit den Künstlern, wenn etwas nicht mehr realisiert werden kann ... eben all solche Fragen. Es macht sich ein Politiker keine Gedanken darüber, was das nach innen bedeutet.
Kirsten Harms | Intendantin und Regisseurin
Kirsten Harms, 1956 in Hamburg geboren, studierte an der Universität Hamburg Musikwissenschaften sowie Musiktheater-Regie an der dortigen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst.
Ihre Abschlussinszenierung von Ligetis Nouvelles Aventures brachte sie 1982 am Staatstheater Braunschweig heraus.
1983 gründete die junge Regisseurin die freie Theatergruppe „Mimesis“ mit, die mit dem Genre „Schauspiel mit Musik“ experimentierte.
1985-1988 war Kirsten Harms Regieassistentin an den Städtischen Bühnen Dortmund, wo sie bereits eigene Inszenierungen herausbrachte.
Im Anschluss an diese Tätigkeit arbeitete sie zunächst als freie Regisseurin u. a. in Bremen, Hannover, Kiel, Saarbrücken, Darmstadt, Innsbruck und Mainz.
1992 erhielt sie einen Lehrauftrag am Studiengang Musiktheater-Regie der Hamburger Hochschule für Musik und Darstellende Kunst.
Fortsetzung im nächsten Kasten...
Sie fangen am 1. September an - oder praktisch jetzt schon?
Sie können sich vorstellen, dass ich seit einigen Wochen und Monaten mit dem Entwickeln von Ideen beschäftigt bin. Als Künstler arbeiten wir eigentlich immer.
Kennen Sie Berlin bereits? Und Ihr neues Publikum in der Deutschen Oper?
Ich habe mit Semiramide ja schon eine Regiearbeit an der Deutschen Oper gemacht und bin auch sonst öfters in Berlin gewesen.
Ich glaube, es gibt viele, die das Haus unglaublich lieben. Ich habe während meiner Regiearbeit genau gegenüber vom Haupteingang der Deutschen Oper gewohnt. Ich habe immer das Publikum beobachtet.
Zum Beispiel finde ich es toll, wenn ältere Menschen ins Theater gehen, um endlich nach vielen arbeitsreichen Jahren Sinnfragen zu stellen.
Zieht Ihre Familie mit?
Ja, auf jeden Fall! Wenn man so ein Haus leitet, ist man den ganzen Tag im Haus.
Sie haben einmal gesagt, es gehe darum, die Leute von den Fernsehern wegzulocken. Ist Oper etwas für alle, für jedes Alter? Wie kann man besonders die jungen Leute begeistern?
Das sind verschiedenste Aspekte. Ich habe das an meinem Kind gesehen ... es fängt bei Kindern so zwischen 8 und 14 an. Sie sind unwahrscheinlich begeisterungsfähig, und wenn sie in die Oper gebracht werden, total begeistert...
...müssen sie gezielt herangeführt werden...?
Ja, sie müssen mitgenommen werden. Aber sie sind natürlich offen und haben eine wahnsinnig tolle Wahrnehmung, sind sehr ursprünglich.
Das wird viel zu wenig gefördert, weil die Schulen mit ihren wenigen übrigbleibenden Musikunterrichtsstunden und ihren Lehrplänen, die sie durchziehen müssen, in der Regel überfordert und gestresst sind. Auf jeden Fall fängt die kulturelle Bildung sehr früh an.
Diese Sinneswahrnehmung muss sehr früh angebahnt werden, damit sich das später ausgebildet.
Es ist möglicherweise sehr schwer, eine 16-Jährige zum ersten Mal dahin zu führen.
...Fortsetzung
1995 wurde Kirsten Harms Intendantin der Kieler Oper.
Nicht zuletzt mit ihrer Inszenierung von Wagners Der Ring des Nibelungen lenkte sie das überregionale Medieninteresse auf die Kieler Oper und machte deutschlandweit auf sich und ihr Haus aufmerksam.
Mit Uraufführungen von The Magic Fountain (Frederick Delius) und Der Schimmelreiter (Wilfried Hiller) sowie Inszenierungen selten gespielter Werke und Ausgrabungen wie z. B. Schrekers Das Spielwerk und die Prinzessin und Christophorus oder „Die Vision einer Oper“ prägte Kirsten Harms in ihrer 8-jährigen Amtszeit die Kieler Oper in ihrer Programmgestaltung nachhaltig.
An der Deutschen Oper Berlin debütierte Kirsten Harms im vergangenen Jahr als Regisseurin von Gioacchino Rossinis Semiramide.
In der laufenden Spielzeit war sie als freie Regisseurin tätig und inszenierte an der Oper Bonn sowie am Schauspielhaus Dresden.
Ab der Spielzeit 2004/05 wird Kirsten Harms Intendantin der Deutschen Oper Berlin.
Pressetext der Deutschen Oper Berlin
Ist die Oper "modern" genug, darf sie auch schockieren, wie bei der anstehenden Serail-Inszenierung der Komischen Oper?
Kinder finden zum Beispiel diese andere Sachen, die, sagen wir mal, ein bisschen hip oder schräg sind, sehr spannend.
Im Grunde genommen glaube ich, dass sehr viel mehr Menschen das Theater nutzen sollten, um ihre Wahrnehmung und ihr Bewusstsein zu erweitern.
Theater erzählt in Geschichten über Dinge, die sonst schwer in gleicher einprägsamer Weise wahrgenommen werden.
Zum Beispiel, wenn man jemanden fragt, "wie geht's Dir", dann sagt er vielleicht wohl oder unwohl, aber was ihn innerlich treibt, welche seine wirklichen seelischen Abgründe sind, muss erst mal überhaupt bewusst und bildlich, erlebbar gemacht werden, bevor man damit umgehen kann.
Einem Kind kann man nicht sagen, das und das wird auf dich zukommen, sondern es muss es erfahren.
Kinder gucken durchschnittlich 2-3 Stunden fern am Tag.
Und wenn man sich vorstellt, was das heißt an Bewegungseinschränkung, an Stimmen nicht ausbilden, an Gehör nicht ausbilden, an Erlebnisfähigkeiten nicht ausbilden - das sind solche Sünden, die da begangen werden.
Muss die Oper um ihre Unabhängigkeit kämpfen?
In der Nachkriegszeit gab es eine große Kraft Dinge in Szene zu setzen, die vorher verboten waren und nicht gedacht werden durften.
Und man war sich ganz klar, dass geistige Freiheit einen unglaublich hohen Wert hat.
Und deswegen hat man die Theater trotz der daniederliegenden Wirtschaft wieder aufgebaut.
Das heißt: Die Sinnfrage gehört dazu, genauso wie das Arbeiten ...
Aber, wer weiß? Vielleicht schlägt das nach einer bestimmten Zeit der Kulturunterschätzung ins Gegenteil um.
Wesentliche Inszenierungen
| Puccini | Madame Buttefly | 1990 | Darmstadt |
| Wagner | Lohengrin | 1992 | Kiel |
| Donizetti | Der Liebestrank | 1993 | Bremen |
| Thomas | Mignon | 1993 | Saarbrücken |
| Bellini | La Sonnambula | 1994 | Innsbruck |
| Puccini | Turandot | 1995 | Kiel |
| Strauss | Die Frau ohne Schatten | 1996 | Kiel |
| Wagner | Das Rheingold | 1997 | Kiel |
| Delius | The Magic Fountain [UA] | 1997 | Kiel |
| Wagner | Die Walküre | 1998 | Kiel |
| Hiller | Der Schimmelreiter [UA] | 1998 | Kiel |
| Wagner | Siegfried | 1999 | Kiel |
| Wagner | Götterdämmerung | 2000 | Kiel |
| Strauss | Die Liebe der Danae | 2001 | Kiel |
| Strauss | Die schweigsame Frau | 2001 | Kiel |
| Schreker | Christophorus oder „Die Vision einer Oper“ | 2002 | Kiel |
| Schreker | Das Spielwerk und die Prinzessin | 2003 | Kiel |
| Rossini | Semiramide | 2003 | Berlin |
| Bock | Anatevka | 2003 | Bonn |
| Shakespeare | Romeo und Julia | 2004 | Dresden |
Quelle: Deutsche Oper Berlin
An dem langwierigen Prozess der Vertragsgestaltung der Opernstiftung waren Sie nicht beteiligt. Stehen Sie nun vor vollendeten Tatsachen?
Ja, da ist schon viel vorgegeben. Wobei die Stiftung aber erst einmal eine Rahmengestaltung ist. Die Ausformung der Binnenstruktur ist noch in vollem Gange und da bin ich auch dabei.
Sind unter dieser Opernstiftung die Rahmenbedingungen für die Deutsche Oper ungünstig?
Das kann man so nicht sagen. Es ist leider eher so, dass die gesamten drei Häuser eine Unmenge an Geld einsparen müssen. Und das geht im Theater nur, indem man Künstler oder künstlerisches Personal entlässt. Andere Möglichkeiten gibt es nicht. Das bisschen, was man für Bühnenbilder oder Kostüme ausgibt, ist nur ein Bruchteil davon, obwohl der Zuschauer oft denkt, das sei viel. Man hat viele Menschen im Orchester, im Chor, viele Solisten, und die müssen anreisen und eine Gage bekommen. Es müssen Urheberrechte bezahlt werden. Wenn man da jetzt einsparen soll ...
Man könnte weniger Male im Jahre spielen ...
Das könnte man, aber man muss diese Menschen trotzdem durchbezahlen. Daran spart man eigentlich nicht - das ist der Trugschluss. Wenn man an den Etats für Solisten spart, dann hat man aber die Kosten der Technik, des Orchesters, der Kostümabteilung und ich weiß nicht was alles ...
Kann man mehr mit Stammpersonal arbeiten statt teuere Stars einzukaufen? Unser Eindruck ist: lieber ein gutes, komplettes Ensemble, als ein Star und drei schlechte ...
Ja, das sehe ich auch so. Es muss ein sehr, sehr gutes festes Ensemble geben, das manchmal durch Stars ergänzt wird - oder Stimmen, die man nicht besetzen kann - es gibt ja so viele verschiedene Werke mit so vielen Anforderungen.
Haben Sie einen Wunsch-Kandidaten für den GMD?
NEIN!
Gibt es andere, die sich in die Kandidatenkür einmischen?
Es gibt viele, die etwas wünschen. Es gibt auch viele Spekulationen. Aber all das spielt keine Rolle.
Kennen Sie das Orchester, die Sänger, die Bühnenleute? Haben Sie schon eine Beziehung zu dem Personal aufbauen können?
Einen Teil kenne ich von der Semiramide-Produktion. Das ist besonders schön, weil ich sie unter anderen Voraussetzungen kennen gelernt habe.
Gab es Reaktionen aus dem Haus?
Ja, sie waren unglaublich offen. Viele freuen sich.
Noch einmal zu Ihrer Kieler Zeit: Gab es da Hindernisse, die man immer wieder umgehen musste? Erfahrungen, die Ihnen bei den anstehenden Herausforderungen helfen können?
Dieser Mechanismus, dass viele Politiker im Kulturetat sparen möchten und behaupten, das ist Luxus, das ist freiwillige Leistung und wir brauchen dringend Geld an anderen Stellen - besonders, wenn es Wählerstimmen zu bringen verspricht. Diesen Mechanismus auszusetzen, möglichst dafür zu sorgen, dass in dieser Richtung nicht weitere Begehrlichkeiten entstehen, das ist eine vorrangige Aufgabe als Künstler. Der Kulturabbau wird keinen Haushalt sanieren, aber wir verlieren die Einmaligkeit einer Kulturlandschaft und einer kulturellen Identität, um die wir weltweit beneidet werden. Und da gibt man Platz eins auf, ohne davon einen Gewinn zu haben. Platz eins meine ich auch in Bezug auf künstlerisches Engagement. Es ist sicher so, dass große Opernhäuser anderer Länder mehr Geld ausgeben und die Stars dort singen. Aber was die Theaterlandschaft hier hat, ist dieser Wille zur Kunst und zur Reflexion. Nicht nur ein reines Konsumieren, ein reines Marktgeschehen. An der Stelle sind die deutschsprachigen Länder etwas Besonderes. ein reines Marktgeschehen. An der Stelle sind die deutschsprachigen Länder etwas Besonderes.
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