November 2002
Kammermusiksaal der Philharmonie

Grand Prix Emanuel Feuermann

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Erster internationaler Cello-Wettbewerb zum 100. Geburtstag von Emanuel Feuermann am 22. November 2002

Von Nancy Chapple

Emanuel Feuermann

Mit Emanuel Feuermanns einmalig virtuosem Cellospiel rückte das Cello erstmals als Soloinstrument in das öffentliche Bewußtsein. Oft sagt man, seine Farbpalette glich eher der der besten Geiger: furchtlos erklomm er die höchsten Töne des Cellos, mühelos und elegant. Die Erwartungen an die Teilnehmer des "Grand Prix Emanuel Feuermann" waren dementsprechend sehr hoch - und die Veranstaltung wurde für alle Beteiligten ein Riesenerfolg: begabte junge Cellisten, aufmerksames Publikum, faire und nachvollziehbare Jury-Entscheidungen.

Zum Anlaß des 100. Geburtstags von Emanuel Feuermann wurde dieser Wettbewerb im Jahre 2002 ins Leben gerufen. Berlin, wo Feuermann 1929 als jüngster Professor Deutschlands an die Berliner Musikhochschule berufen wurde, ist Austragungsort. 1933 wurde Feuermann nach der nationalsozialistischen Machtübernahme von heute auf morgen vor die Tür gesetzt und emigrierte über die Schweiz nach Amerika. Zwei Cello-Professoren, Wolfgang Boettcher von Berlins Universität der Künste und Boris Pergamenschikow von der Hanns-Eisler Hochschule, engagierten sich als Initiatoren des Wettbewerbs. Gemeinsame Veranstalter waren die UdK Berlin und die Kronberg Academy, eine Einrichtung zur Förderung begabter junger Streicher. Zukünftig soll der Wettbewerb alle vier Jahre stattfinden.

Ein riesiges Plakat mit einer Abbildung Feuermanns am Cello, Zigarette im Mund, zierte den Kammermusiksaal und das gesamte Öffentlichkeitsmaterial. Eine interessante Ausstellung zum Leben und Wirken Feuermanns war im Foyer des Kammermusiksaals zu besichtigen. Viel war von seiner einmaligen Virtuosität und starken musikalischen Persönlichkeit die Rede. Man kann sagen, dass der Wettbewerb tatsächlich in dieser Tradition stand.

Die 11 angereisten Teilnehmer an der 2. Runde (der 12. erschien wegen Krankheit nicht) spielten an zwei aufeinander folgenden Tagen im Berliner Kammermusiksaal, so dass die Berliner Öffentlichkeit reichlich Gelegenheit hatte, sich mit deren musikalischen Persönlichkeiten bekannt zu machen. 42 nach 1973 geborenen Cellisten hatten im Juli 2002 Videoaufnahmen mit Werken von Beethoven, Max Reger und Popper oder Dawydow eingereicht, um sich für die Teilnahme an der zweiten Runde zu qualifizieren. Die namhafte Jury - Wolfgang Boettcher, Thomas Demenga, David Geringas, Natalia Gutman, Laurence Lesser, Boris Pergamenschikow, Raimund Trenkler, geleitet von Bernhard Greenhouse - trafen fundierte Vorentscheidungen, das Niveau war durchweg sehr hoch.

Offiziell durften die Teilnehmer der zweiten Runde 45-50 Minuten lang Stücke ihrer freien Wahl präsentieren. Kaum einer hielt sich an diesen Zeitrahmen. Ihr Spiel wurde aber nie von der Jury unterbrochen, typisch für die ruhige, respektvolle Atmosphäre des ganzen Wettbewerbs. Nur in wenigen Fällen war das Cello-Spiel uninteressant und die etwa 120 Zuhörer hörten mehr als nötig, um die Beherrschung der Stilbreite, die Sicherheit im Wettbewerb und auch die musikalische Begabung herauszuhören. Bei den meisten Darbietungen war es ein wahrer Genuß, die selbst zusammengestellten Programme in voller Länge zu erleben. Die zwischen den langen Sitzungen kostenlos bereitgestellten Getränke wurden vom Publikum dankbar angenommen.

Ein besonderer Prüfstein für die jungen Cellisten war das Pflichtstück Solo II von Aribert Reimann, ein für den Wettbewerb komponiertes Auftragswerk, dessen Noten die Teilnehmer einen Monat vorher bekamen. Das Stück, 15 Seiten lang und technisch anspruchsvoll, deckte das gesamte Klangspektrum des Cellos ab: Obertöne, Doppelgriffe, gestrichen, gezupft, geschlagen, von pianissimo bis fortissimo. Der Komponist war durchgehend anwesend und beurteilte mit, wer sein neues Werk am besten interpretierte. Sehr spannend war die Interpretationsbandbreite: obwohl einige auffallend wenig mit dem Stück anfangen konnten, haben sich drei besonders überzeugend das Werk zu eigen gemacht und dabei einen Bogen von Anfang bis Ende gespannt: Jing Zhao, Gavriel Livkind und Boris Andrianov. Es überraschte auch nicht, dass alle drei am Finalistenabend zu hören waren: die Fähigkeit innerhalb von vier Wochen aus einem nagelneuen Werk Musik zu machen, zeugt von großer Musikalität.

Für die letzte Runde stand das Repertoire fest: die Hindemith Solo-Sonate, Op. 25 Nr. 3, und entweder das Haydn D-Dur-Konzert oder eine von George Szell für Feuermann bearbeitete Fassung des Mozart Flötenkonzerts. Das Programm der 3 Finalisten Danjulo Ishizaka, Jing Zhao und Boris Andrianov wurde ergänzt durch László Fenyö und Gavriel Livkind, die um den Sonderpreis für die beste Interpretation des Mozartkonzerts spielten.

Hier fing das Staunen erst recht an: so viele gelungene Aufführungen, so viele reifes Vorspiel auf der Bühne, solch reine musikalische Freude! Livkind hat eine riesige Palette an Klangfarben und eine sehr eigene, inneliegende Musikalität. Andrionov zeigte einen höchst professionellen Schliff bei jedem Stück - beispielsweise der zweiter Satz des Mozart-Konzerts war wie Honig über die Saiten gegossen: glatt, warm, gleichmäßig süß. Und der erst 23-jähriger Danjulo Ichizaka? Jede seiner Interpretationen bot eine musikalische Vision an. Das Haydn-Konzert in D-Dur beherrschte er technisch und musikalisch, die Kadenzen waren atemberaubend schön.

Jing Zhao

Jing Zhao, eine 24-jährige Chinesin, verdiente auf jeden Fall den Sonderpreis für hoffnungsvolle junge Talente. Sie vermittelt eine spürbare Lust zu spielen und hat Mut zu dynamischen Extremen; sie reißt die Stücke regelrecht an sich, spielt dennoch raffiniert musikalisch. In einem kurzen Interview war einiges über ihren musikalischen Hintergrund und ihren für China außergewöhnlichen Lebenslauf zu erfahren: im Alter von 5 Jahren begann sie, aufgrund der Liebe ihres Vaters zu diesem Instrument, Cello zu lernen und entschied Cellistin zu werden, nachdem sie Yo-Yo Ma mit 6 im Konzert erlebte. Nach Jahren des Studiums in Beijing holte ein ehemaliger Schüler Pierre Fourniers Zhao mit 15 zum Studieren nach Tokyo. Ihr jetziger Berliner Aufenthalt wurde durch einen Brief Seiji Ozawas an Claudio Abbado ermöglicht. Viel lernte sie zur Interpretation der ihr fernliegenden Schostakowitsch-Sonate, die sie in der 2. Runde spielte, von ihrem Lehrer David Geringas ("ich bin sonst ein so glücklicher Mensch, und hier geht's um eine so schlimme Zeit ..."). Überhaupt war für sie allein die intensive Vorbereitung auf den Wettbewerb ein Gewinn.

Vor der Bekanntgabe der Gewinner wurde eine im Januar 2003 in englischer Sprache erscheinende Biographie über Emanuel Feuermann von der Autorin Annette Morreau vorgestellt. Mit lebhaften Anekdoten verkürzte sie die Wartezeit ("Knowing Feuermann, the one who should win is the one who smokes the most and drives cars the fastest..."). Aber alle fieberten selbstverständlich dem Moment der Preisvergabe entgegen. Letztlich wurde jeder Gewinner auf die Bühne gerufen und von allen Jury-Mitgliedern warm umarmt. Die freudige Stimmung im Saal und die Zustimmung des Publikums zur Juryentscheidung bestätigte das Gefühl der Rezensentin: das Ganze verlief fair und angenehm, die vielversprechendsten Begabungen bekamen die Preise.

Rund um die beiden Finalrunden gab es weitere medienwirksame Veranstaltungen. Am Abend vor der zweiten Runde spielten alle Jury-Mitglieder ein Eröffnungskonzert mit Werken von Bach, Senderovas und Schubert; nach der Ernennung der Gewinner am Mittwoch gab es große öffentliche Konzerte der Sonderpreisträger und auch des Grand Prix-Preisträgers in der UdK und im Jüdischen Museum, letzteres mit einer Ansprache von Otto Schily. Die Preisverleihung übernahm der Schirmherr des Wettbewerbs, Daniel Barenboim.

Danjulo Ishizaka Die großzügigen dotierten Preise wurden wie folgt verliehen:
  • Danjulo Ishizaka (Deutschland) gewann den Grand Prix (€25.000)
  • Gavriel Lipkind (Israel) erhielt den Sonderpreis für die beste Interpretation des Konzerts für Violoncello und Orchester D-Dur von W. A. Mozart (€5.000) sowie den Sonderpreis für die beste Interpretation des Stückes "Solo II" für Violoncello von Aribert Reimann (€5.000)
  • Jing Zhao (China) ist Trägerin des Sonderpreises für vielversprechende Talente und erhielt ein Cello von Jan van Kouwenhoven, das eigens für den Wettbewerb hergestellt wurde
  • Der Preisträger des Sonderpreises für die beste Interpretation einer Suite von Max Reger ist Danjulo Ishizaka (€5.000)
  • Die Jury vergab zusätzlich zu Ehren der kürzlich verstorbenen Cellistin Zara Nelsowa (die als weiteres Jurymitglied vorgesehen war) einen Spezialpreis in Höhe von € 5.000 an Boris Andrianov (Russland)


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