Juni 2003

Persönlichkeiten mit Taktstock: Ein gelungenes Buch zu Dirigentinnen

Dirigentinnen im 20. Jahrhundert: Porträts von Marin Alsop bis Simone Young von Elke Mascha Blankenburg, Europäische Verlagsanstalt, 2003

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Persönlichkeiten mit Taktstock: Ein gelungenes Buch zu Dirigentinnen

Dirigentinnen im 20. Jahrhundert: Porträts von Marin Alsop bis Simone Young von Elke Mascha Blankenburg, Europäische Verlagsanstalt, 2003

Von Nancy Chapple

Dirigentinnen des 20. Jahrhunderts

Dieses anschaulich und gut geschriebene Buch besteht im Hauptteil aus 43 Porträts von Dirigentinnen, jeder widmet die Autorin 4-6 Seiten. Als Basis dienten Interviews, ergänzt durch Daten zum Werdegang. Weitere 35 Kurzbiographien anderer aktiven Berufsgenossinnen und nach Dirigentin angeordnete Anhänge zu den Themen "CD-Produktionen" und "Uraufführungen" ergänzen das Werk. Die sehr informative Einleitung gibt den Ton an: Wie entstand die Rolle des Dirigenten, wie verlief die Entwicklung vom Kapellmeister am Tasteninstrument vor seinem Ensemble hin zum "Herrscher über die Musiker und über die Musik"? Warum werden Dirigentinnen im 20. Jahrhundert immer als Sensation behandelt? Und warum verhaken sich Kritiken immer bei Personenbeschreibungen: "Junge attraktive Frau mit roten Haaren hält sechzig Männer in Schach"?

Elke Mascha Blankenburg, selbst Dirigentin, begann das Buch ursprünglich als europäisches Projekt, hatte es aber bald auf Musikerinnen um die ganze Welt ausgeweitet. Das soll ausdrücklich angehende Dirigentinnen inspirieren - "Ihr seid doch nicht allein" - und zur Netzwerkbildung anregen. Aber auch als Nachschlagewerk zu prägenden Musikpersönlichkeiten ist es geeignet.

In jedem Porträt gibt es Absätze, die praktisch nur aus Listen bestehen. Um den Bildern einen Rahmen zu geben, ist es zwar wichtig zu erfahren, mit wem die jeweilige Dirigentin studiert, welche Gastdirigate sie ausgeübt hat und für welche Uraufführung sie verantwortlich zeichnete. Aber man liest das Buch wegen des spannenden Schreibens über Musik auf der Basis der sensibel geführten Interviews. Blankenburg hat es verstanden, einen vertraulichen Ton zwischen Frauen aufkommen zu lassen: Sie fühlten sich wohl ernst genommen und gehört. Auf jeden Fall vermischt sich auf selbstverständliche Weise das "rein" Berufliche mit emotionellen Reaktionen.

Der Leser erfährt eine Menge über die notwendigen Eigenschaften eines jeden guten Dirigenten: "Wir müssen Menschen inspirieren, sie überzeugen und nicht zu etwas zwingen. ... Musiker wollen gut spielen, und wenn sie glauben, daß der Dirigent ehrlich ist, hart arbeitet und gute Ideen hat, arbeiten sie gerne mit ihm zusammen." "Seit ungefähr fünfzehn Jahren habe ich einen sehr freundlichen und doch anspruchsvollen Umgang mit dem Orchester. Man kann die Dinge sehr entschieden sagen, mit Respekt und sogar mit einer gewissen Art von Liebe. Und ich denke, daß es genau das ist, was die Frauen in diesen Beruf einbringen können."

Und Musikliebhaber aller Richtungen werden die Beschreibungen der Empfindungen in der Musik genießen. Hier ein paar Beispiele:

  • "Ich dirigiere gerne Neue Musik. Dann kann man endlich ohne ‚Traditionen' musizieren! Ich muß allerdings sagen, daß ich sie lieber selbst dirigiere als zuhöre."
  • "Die amerikanische Technik ist sehr direkt, ich schlug sehr klar. Als ich die russische, expressive Technik von Natchev sah, die mehr an der Spitze des Schlages und mehr an der Linie orientiert ist, war ich sofort überzeugt."
  • "Man hat von [Karajan] gelernt, wie man ein Werk baut, wie man den Klang bildet, wie man von einer Farbe in die andere übergeht. Das sind die ganz wesentlichen Dinge."
  • "Beim Musikmachen hat man keine Möglichkeit zu bluffen, man muß authentisch sein. ... Das einzige, was sich wirklich überträgt, ist, ob da vorne mit Liebe gearbeitet wird."

Nach den persönlichen Erfahrung der Rezensentin - in einer Musikerfamilie aufgewachsen, als Pianisten ausgebildet - sind Dirigenten fast immer interessante Persönlichkeiten: Generalisten, wohingegen die meisten Musiker Spezialisten sind (Klarinettisten: "Wie bereitest Du Deine Rohrblätter zu?" Pianisten: "Stehst Du eher auf Gould oder Horowitz?"). Sie haben den Überblick. In diesem Buch bekommt man den Eindruck, daß Dirigentinnen besonders interessantere Persönlichkeiten sind.

Man erfährt ungemein viel über das Berufsbild und den Beruf als solches. Vielleicht will man es nicht von vorne nach hinten lesen - aber für ein Dasein als Nachschlagewerk auf dem Regal ist es viel zu schade!



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