April 2011

Ein Chor auf Kurs

Die Neueinspielungen von Mahlers Auferstehungssinfonie und Humperdincks Königskinder mit dem Rundfunkchor Berlin

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Ein Chor auf Kurs

Die Neueinspielungen von Mahlers Auferstehungssinfonie und Humperdincks Königskinder mit dem Rundfunkchor Berlin

Von Heiko Schon

Berlins Kritiker können stolz auf sie sein und doch speisen wir ihre Leistungen oft nur mit Halbsätzen ab. Die Rede ist von den Chören. Ob der Staatsopernchor unter Eberhard Friedrich, der Chor der Deutschen Oper, der - seitdem William Spaulding am Ruder ist - in der ersten Liga mitspielt, oder der von Simon Halsey geleitete Rundfunkchor Berlin: Gäbe es eine Chor-WM, der Pokal würde in der deutschen Hauptstadt stehen. Ja leider gibt es diesen Preis nicht, aber es gibt die Grammy Awards. Und der Berliner Rundfunkchor hat jetzt für die beste Operneinspielung 2011 (Kaija Saariahos L'amour de loin / DSO Berlin) seinen 3. Grammy eingeheimst. Im Frühjahr sind nun gleich drei neue Aufnahmen mit dem Rundfunkchor Berlin erschienen: Der vor einigen Wochen verstorbene Yakov Kreizberg widmete sich mit seinem Orchestre Philharmonique de Monte-Carlo Ravels Daphnis et Chloé und Debussys Prélude à L'Après-midi d'un faune; Sir Simon Rattle und seine Berliner Philharmoniker haben Mahlers 2. Sinfonie im Angebot; und auch die vom DSO Berlin unter Ingo Metzmacher konzertant aufgeführten Königskinder wurden auf Konserve festgehalten.


Gustav Mahler - Sinfonie Nr. 2 c-Moll „Auferstehungssinfonie“
Kate Royal, Magdalena Kožená, Rundfunkchor Berlin,
Berliner Philharmoniker, Sir Simon Rattle

Rattles Mahler weist Merkmale auf, die bei seinem Wagner meist zu kurz kommen: Angriffslust, Herzblut, Wandlungsfähigkeit. Wie grandios spielen die Berliner Philharmoniker Mahlers Auferstehungssinfonie! Da sind Soli von makelloser Schönheit auszumachen, so z. B. die zärtlich wärmende Oboe im 1. Satz. Oder aber die Violine im 4. Satz, wenn sich diese mit der Klarinette die Bälle zuspielt. Auch traumhaft musizierte Details sind zu hören: Die ziseliert gesponnenen Linien im Thema des 2. oder die kräftigen Interpunktionen im Hauptthema des 1. Satzes. Und dennoch ist da mehr. Mal fungiert das Blech als Artillerie, mal stellt sich ein Klangbild von milchglasartiger Verschwommenheit ein. Fast so, als würde dieses Spiel unmerklich entschweben, sich von innen heraus auflösen. Magdalena Kožená und Kate Royal werfen ihre Luxusstimmen in die Waagschale und der Rundfunkchor Berlin leuchtet zum Finalsatz sanft und ausgewogen auf. Ein Vortrag von farbenreicher, klangharmonischer Finesse.


Engelbert Humperdinck - Königskinder
Berliner Mädchenchor, Rundfunkchor Berlin,
Deutsches Symphonie-Orchester Berlin, Ingo Metzmacher

Die beiden Stars der neuen Gesamteinspielung von Engelbert Humperdincks Königskinder heißen Ingo Metzmacher und Christian Gerhaher. Letzterer singt den Spielmann so mitreißend und einfühlsam, textdeutlich und uneitel, dass er alle seine Vorgänger (Dietrich Fischer-Dieskau, Herrmann Prey, Dietrich Henschel, Detlef Roth) sogar noch übertrifft. Verdorben - gestorben: So wie Gerhaher diesen letzten Gesang des Spielmanns vorträgt, so völlig frei von Kitsch und Effekthascherei: das macht staunend, lange noch. Dagegen sind Juliane Banse und Klaus Florian Vogt nicht unbedingt die erste Wahl: Banse ist farblich ein wenig zu reif für die Gänsemagd, Vogts Königssohn köchelt meist auf emotionaler Sparflamme. In den kleineren Rollen gefallen Stephan Rügamer (Besenbinder) und Jacquelyn Wagner (Wirtstochter). Der Rundfunkchor stand vermutlich nicht in der Nähe der Mikrofone, klingt er doch hier etwas verhalten. Unter Ingo Metzmacher spielt das DSO Berlin einen Humperdinck mit feinen Abstufungen und rhythmischen Kontrasten auf. Der spätromantische Schwulst und eine klangliche Breite sind Metzmachers Sache nie gewesen. Und so haben die Königskinder wohl noch nie moderner geklungen…



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