April 2011

Ein Maulwurfswunderwerk

cpo bringt einen Live-Mitschnitt von Hermann Wolfgang von Waltershausens Oberst Chabert in die CD-Läden

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Ein Maulwurfswunderwerk

cpo bringt einen Live-Mitschnitt von Hermann Wolfgang von Waltershausens Oberst Chabert in die CD-Läden

Von Heiko Schon


Hermann Wolfgang von Waltershausens - Oberst Chabert
Deutsche Oper Berlin

Auf zwei ganze (wenn auch von Publikum und Presse euphorisch aufgenommene), eher halbszenisch als konzertant dargebotene Vorstellungen hat es die Ausgrabung der letzten DOB-Saison gebracht. Bedenkt man, dass die vertonte Adaption des Balzac'schen Oberst Chabert vor dem Dritten Reich in über einhundert Inszenierungen auf Bühnen wie Covent Garden stand, könnte und müsste ein fester Glaube an ein Werk mutiger aussehen. Vertrauen ist gut, aber Kostenkontrolle ist eben besser. Doch was am Haushaltssäckel der Deutschen Oper Berlin scheiterte, wird durch den jetzt von cpo veröffentlichten Mitschnitt wieder wettgemacht. Nun hat jeder Freund großer wie großartiger Opernwerke die Möglichkeit, sich ein eigenes Urteil zu bilden. Und er sollte sie nutzen.

Das Faszinierende an dieser Partitur ist, dass sie sich nicht genau einordnen lässt. Mal rauscht es spätromantisch durch den deutschen Notenwald, mal stösst man auf überdeutliche Anlehnungen an die französische Grand opéra, ja selbst der italienische Verismo lugt immer wieder mal um die Ecke. Kompositorische Delikatessen sind das Quintett am Ende des 2. Aufzuges, die große Szene der Rosine und Arie des Chabert im 3. Aufzug sowie das in falscher Versöhnlichkeit dahinstrahlende Finale der Oper. Jacques Lacombe legt ein kontrastreiches wie energiegeladenes Dirigat vor und schafft es, die Suspense der Romanvorlage in die musikalische Interpretation mit einzubeziehen. Das Orchester der Deutschen Oper spielt hoch konzentriert, mit Präsenz und Freude am Musizieren.

Gesanglich wurde ein überwiegend erstklassiges Ensemble zusammengestellt: Paul Kaufmann serviert einen schnittig-geschmeidigen Bouchard, Stephen Bronk beeindruckt mit einem edel tönenden, auftrumpfenden Godeschal und Simon Pauly ist ein solider, textdeutlicher Derville. Der wandlungsfähige Raymond Very (Ferraud) kommt live etwas besser rüber als auf Konserve, ist doch die ein oder andere gleißende Höhe auszumachen. Manuela Uhl ist als jugendlich-dramatische Sopranistin in ihrem Element. Vibrato und Phrasierung gefallen, was man vom manchmal zum Weinerlichen neigende Timbre nicht unbedingt sagen kann. Bo Skovhus singt einen eleganten, kultivierten, r-rollenden und unter die Haut gehenden Chabert.

Wer beckmesserisch nach Mängeln suchen möchte, wird beim geräuschvollen Notenumblättern und beim linkslastig positionierten Chabert fündig. Auch gibt es immer wieder mal Abweichungen oder fehlende Wörter zwischen gedrucktem Libretto und gesungenem Text. Die 2-CD-Box im Schuber und mit Booklet (Einleitung vom verantwortlichen Dramaturgen Andreas K. W. Meyer, Text von Hanspeter Krellmann, Künstler-Bios, Fotos der Aufführung und Libretto in deutsch und englisch) steht ab sofort in den Klassik-Regalen.



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